{"id":16,"date":"2007-12-28T13:38:18","date_gmt":"2007-12-28T12:38:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?page_id=16"},"modified":"2025-12-05T17:29:27","modified_gmt":"2025-12-05T16:29:27","slug":"myself","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?page_id=16","title":{"rendered":"\u00dcber mich"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial;\">Meine physische <\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Existenz begann nach einem Gemetzel, bei dem sich einige Millionen Spermien um eine weibliche Eizelle pr\u00fcgelten. W\u00e4re\u00a0 mein winziger Erbguttr\u00e4ger nicht\u00a0 der\u00a0 gr\u00f6\u00dfte Raufbold von allen gewesen, w\u00fcrden Sie hier kein Wort von mir zu lesen bekommen. Von wegen Schicksal: Ich glaube an keine Bestimmung und neige nicht dazu, den Irrwegen des Lebens einen \u00fcbergeordneten Sinn zuzuschreiben. Zuf\u00e4lligerweise hat alles sehr gut f\u00fcr mich gepasst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>GEBURT UND MAUERBAU<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Im\u00a0Juli 1961 wurde\u00a0ich abgenabelt und in trockene T\u00fccher gepackt. Hausgeburt und Sonntagskind. Zwei Wochen sp\u00e4ter baute man\u00a0die Berliner Mauer &#8211; was mir damals aber noch ziemlich egal war. Meine Welt reduzierte sich auf den Inhalt einer Milchflasche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" style=\"width: 282px; height: 206px;\" src=\"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/img_1032.jpg\" alt=\"\" width=\"330\" height=\"304\" \/><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Getauft wurde ich ohne mein Einverst\u00e4ndnis. In eine Religion hinein, f\u00fcr deren Rituale ich heute nicht mehr Verst\u00e4ndnis \u00fcbrig habe, als f\u00fcr den Mauerbau von damals.\u00a0Ist\u00a0eine Kindstaufe \u00fcberhaupt mit dem Menschenrecht vereinbar? Heilfroh\u00a0bin ich immerhin, dass mir der Glaubensverein meiner Eltern nur Wasser \u00fcber den Kopf gegossen\u00a0und nicht mit einem Messer an den Genitalien herumgeschnipselt hat. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>F\u00dcR DAS LEBEN, NICHT F\u00dcR DIE SCHULE UND SO WEITER . . .<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Ach, was h\u00e4tte ich nicht alles lernen k\u00f6nnen, w\u00e4re die Schule nicht gewesen. Ich bereue keinen Tag, an dem ich sie geschw\u00e4nzt habe. Doch anscheinend fehlte ich nicht oft genug, denn das wirklich n\u00fctzliche Wissen, das mir durch mutloses Nichtschw\u00e4nzen und Pflichtbewusstsein entging, vermisse ich bis\u00a0heute\u00a0an allen Ecken und Kanten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/02\/img_1050.jpg\" alt=\"\" \/>Statt Deutsch und Mathematik wurde Gewalt gelehrt. Die Lehrer haben uns Sch\u00fclern Haarb\u00fcschel aus der Kopfhaut gedreht, warfen uns in der Turnhalle gegen die Wand und haben den unbedingten Toilettengang verweigert. Ein Zuchthaus war diese Schule. Wolfgang bem\u00fchte sich den Anforderungen gerecht zu werden. Ich musste Luftballone malen, deren Rundheit mit dem Zirkel kontrolliert wurde. Von derart p\u00e4dagogischem Unverm\u00f6gen zeugt ein Zeugnis-Sechser im Zeichnen. <\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Sch\u00f6n war nur der Nachhauseweg, mit seinen Umwegen und Abenteuern. Heute werden Schulbusse eingesetzt, damit die Kinder keine Zeit mehr mit Freiheit verschwenden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>DIE TILGUNG NIE BEGANGENER S\u00dcNDEN<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Von der ersten Hostienverspeisung dachte ich, es sei eine Schulveranstaltung, so wie das vorweihnachtliche Krippenspiel auch. Um den Aufmarsch der Kommunikanten zu proben entfiel immerhin der Unterricht. Dass ich keine S\u00fcnden zu beichten h\u00e4tte, lie\u00df der Herr Pfarrer nicht gelten und ich musste mir\u00a0L\u00fcgen einfallen lassen. Sein t\u00e4gliches Brot ist nicht die Wahrheit, sondern die Absolution. Das\u00a0Bestrafungsvaterunser ist bis heute nicht aufgesagt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/img_1044.jpg\" alt=\"\" width=\"332\" height=\"438\" \/><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Wem dienten eigentlich die Einsch\u00fcchterungen gegen mich und der Zwang zum Ausplaudern von irgendwelchen intimen Erlebnissen oder infantilen Albernheiten? Ich glaube nicht, dass es mich entlasten sollte, sondern nur abh\u00e4ngig machen. Es ist ein verbiegen der Gehirnwindungen zu Ketten. Warum sonst werden weltweit Kinder zum religi\u00f6sen Kommunionismus gen\u00f6tigt, zum Verrat an sich selbst, an Freunden und Eltern? Ja \u00fcberhaupt, welche Schlechtigkeiten sollen das gewesen sein, die ich bis heute als Genuss, Lust und richtig empfinde? Wer zum Teufel ma\u00dft sich da an, b\u00f6ses Gewissen einzureden und Moral zu predigen?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>DIE CHEMIE STIMMT?<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Meine Lehrzeit war die Zeit \u00fcberw\u00e4ltigender Hormonschwankungen, begleitet von Bartwuchs, Akne und Selbstzweifel. Zeit s\u00fc\u00dfer Tr\u00e4ume und morgendlicher Missgeschicke. Schlechter Tanzunterricht vom ersten Lohn. St\u00e4ndiges Liebesbriefschreiben an verschiedene Adressatinnen. Und in Sachen Glaube, Liebe, Hoffnung schloss ich mich dann doch der katholischen Jugendbewegung an, weil es dort st\u00e4ndig Gelage und die besten M\u00e4dels gab &#8211; welche meinen Glauben an Liebe und Hoffnung n\u00e4hrten. Eine gesegnete Zeit: Das erste Betrunkensein, die erste Eroberung, das erste Ausbleiben ihrer Tage. Und wieder ein Rausch, als diese dann doch noch kamen. Von wegen Schicksal &#8211; einfach nur Gl\u00fcck gehabt, am Pech vorbeigeschrammt!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/unser-junger_mann.jpg\" alt=\"\" \/><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Die Ausbildung zum Chemikanten lief nebenher. Endlich unter Lehrkr\u00e4ften mit Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, derweil uns noch selbst die Peilung fehlte. Eine coole Zeit and born to be wild. Sogar unser Religionslehrer &#8211; es geschehen ja doch Zeichen und Wunder &#8211; hatte weder Scham noch Scheu, \u00fcber sexuelle Selbstversuche unter der Decke im Freibad zu berichten. Er hielt sich nie an einen Lehrauftrag und \u00fcbte mit uns stattdessen, Protestbriefe an die Staatsregierung zu schreiben. Hut ab! Die Chemie habe ich zwar nie begriffen, aber genau das rechne ich meinen Ausbildern an, weil ich gar kein Chemiker werden wollte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>STURM UND DRANG<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Sturm und Drang waren seinerzeit gewaltig. Eine Mixtur aus Leichtsinn, Angeberei und Dummheit. Vom Mont Blanc kam ich schneeblind herunter, um sogleich bei Graupelwetter auf das Matterhorn zu steigen. Mental geht alles! Wozu der Weg, wenn man ein Ziel hat? Eigentlich sollte ich kleinlaut mit meinen Unternehmungen sein, doch insgeheim bin ich stolz. Wer kann von sich schon behaupten auf der Achse des Wiener Riesenrades balanciert zu haben? Ich kenne bisher nur zwei so Verr\u00fcckte. Es stimmt schon, das ich weder erwachsen noch zahm werden wollte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/wgeschafft.jpg\" alt=\"\" \/><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Mein Leben ist nachdenklicher geworden, geruhsam in allen Lagen. Die Schlechtwettervorhersage dient mir als willkommene Ausrede und ich habe schon ewig keine Fabrikz\u00e4une mehr \u00fcberstiegen. Aus einer Sesselbahn springe ich prinzipiell nicht mehr ab. Erstens gibt es ja \u00fcberall offene T\u00fcren und zweitens k\u00f6nnte ich mir ja weh tun. Was z\u00e4hlt stattdessen, nachdem die Gipfel irgendwie niedriger geworden sind? Sind es jene H\u00f6hepunkte in mir selbst, die stillen Momente des Augenblicks, die andere Art der Auseinandersetzung? Auch hier habe ich weder Antwort noch Ahnung. Gewisse Dinge brauche ich einfach nicht mehr, um mich zu sp\u00fcren oder zu beweisen. Andere dann doch wieder, weil das Alter ein l\u00e4stiges und verlaustes Nagetier ist, das mir st\u00e4ndig den Floh der Unvernunft ins Ohr setzten will. Aber ohne Zweifel ist aus mir ein Warmduscher geworden und mein liebster Nervenkitzel besteht aus Gaumenfreuden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>ALS MEIN ICH AUSZOG, DIE WELT ZU RETTEN<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">\u201cAtomkraft &#8211; nein Danke\u201c und \u201cPetting statt Pershing\u201c. Ich habe sicher einige Hektoliter Sprit verfahren, um gegen Umweltzerst\u00f6rung und f\u00fcr den Weltfrieden zu protestieren. Lichter- und Menschenketten, Mahnwachen, Osterspazierg\u00e4nge, Sitzblockaden, Pfeifkonzerte, Zwergensaufst\u00e4nde. Ein Wunder, dass mir auf dem Weg dorthin nie das Benzin ausgegangen ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/img_1130.jpg\" alt=\"\" \/><\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Die Zukunft male ich mir gar nicht mehr aus. Welche Farbe h\u00e4tte meine Zuversicht? Im\u00a0 siebten Jahrzehnt meiner Selbstfindung d\u00e4mmert mir die Erkenntnis, dass alles ganz anders kommt, n\u00e4mlich menschlicher, abgekl\u00e4rter, vern\u00fcnftiger. Das gilt f\u00fcr den Umgang untereinander, f\u00fcr die Wasserqualit\u00e4t der heimischen Fl\u00fcsse und die vielen klugen B\u00fccher, die in allen Sprachen geschrieben werden. Die inflation\u00e4re Klagsamkeit, fr\u00fcher sei alles besser gewesen, wird man von mir nicht (mehr) h\u00f6ren. Ich bin Optimist geworden und bleibe es, allen aktuellen Katastrophenmeldungen zum Trotz. Die \u201cHasenfu\u00df-Gedichte\u201d meiner Jugend d\u00fcrfen als Zeitdokument betrachtet werden.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>AUF DER SUCHE NACH BERUFUNG<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"font-family: Arial;\">In den fr\u00fchen Morgenstunden des 20. 07. 1969 wurden meine Geschwister und ich von unseren Eltern aus dem Bett geholt und wir besuchten meine Oma, die, als eine der ersten im Mietblock, einen Schwarzwei\u00dffernseher besa\u00df. Es kamen auch Leute aus der Nachbarschaft. Live erlebten wir den ersten Menschen auf dem Mond und seinen legend\u00e4ren Spruch vom Schritt f\u00fcr die Menschheit. So beschloss ich, Astronaut und Spr\u00fccheklopfer zu werden.<br \/>\n<\/span><\/span><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/120.jpg\" alt=\"\" width=\"255\" height=\"190\" \/><span style=\"font-family: Arial;\">Ich lernte also Chemikant, studierte einige Semester Maschinenbau, wurde Steckenpferdliterat und Selbstverleger, lie\u00df mich zum Rettungssanit\u00e4ter und Bergretter ausbilden, war Funktion\u00e4r bei einer damals noch gr\u00fcnen Partei, Judoka, Kanut, Globetrotter, Motorradfahrer, Vater und Hausmann, EH-Ausbilder, Sanit\u00e4ts-Ausbilder, Montessori-Kinderg\u00e4rtner, Flohmarkth\u00e4ndler,\u00a0 Kachelofenfachverk\u00e4ufer, Marathonl\u00e4ufer, Gleitschirmpilot, Weitwanderer und immer wieder Leserbriefschreiber. Dazwischen gr\u00fcndete ich ein Kleinbusunternehmen, schloss ein Kleinbusunternehmen, ging zum Arbeitsamt stempeln, jobbte als Lokalredakteur, dr\u00fcckte mit 40 wieder die Schulbank. Zuletzt war ich als Therapeut in der Psychiatrie gelandet und reflektierte meine eigenen Anteile. Gro\u00dfvater geworden, versuche ich seitdem etwas vern\u00fcnftiger zu leben. 2023 nahm mich die Innviertler K\u00fcnstlergilde in ihre Reihen auf und so darf ich mich fortan &#8222;Gildenmeister&#8220; nennen. Inzwischen bin ich in beruflichen Ruhestand getreten, aber ansonsten nicht m\u00fcde geworden. Astronaut wurde ich leider nie, da haben andere abgehoben und zu H\u00f6henfl\u00fcgen angesetzt. Immerhin reichte es zum Spr\u00fccheklopfer. Doch &#8211; und so komme ich als Angeber zum Schluss &#8211; was w\u00e4re ich ohne meine Frau geworden? Nur ihrer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Nachsicht habe ich ein wunderbares und erf\u00fclltes Leben zu verdanken. Meine Liebeslieder sind ausnahmslos f\u00fcr sie geschrieben.\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine physische Existenz begann nach einem Gemetzel, bei dem sich einige Millionen Spermien um eine weibliche Eizelle pr\u00fcgelten. W\u00e4re\u00a0 mein winziger Erbguttr\u00e4ger nicht\u00a0 der\u00a0 gr\u00f6\u00dfte Raufbold von allen gewesen, w\u00fcrden Sie hier kein Wort von mir zu lesen bekommen. 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