{"id":1033,"date":"2002-01-02T00:19:47","date_gmt":"2002-01-01T23:19:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=1033"},"modified":"2011-02-01T22:01:16","modified_gmt":"2011-02-01T21:01:16","slug":"die-rundheit-des-luftballons-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=1033","title":{"rendered":"DIE RUNDHEIT DES LUFTBALLONS"},"content":{"rendered":"<p>EINE LEKTION<\/p>\n<p>Verschiedenfarbig h\u00e4tten sie sein sollen, mehrere bunte Ballons w\u00fcnschte sich mein Lehrer. Die Anzahl war freigestellt, aber ungerade sollte sie sein; drei, f\u00fcnf oder sieben St\u00fcck, geb\u00fcndelt an Schn\u00fcren. Mit Bleistift waren zun\u00e4chst die Konturen zu zeichnen, freih\u00e4ndig und m\u00f6glichst exakt. Im zweiten Arbeitsschritt hatte man Wasserfarbe aufzutragen und dabei eine gewisse Harmonie zu beachten. Die Zeit war auf zwei Schulstunden begrenzt. Ein h\u00fcbsches Kinderspiel, ein leichter Auftrag &#8211; m\u00f6chte man meinen &#8211; f\u00fcr einen Elfj\u00e4hrigen. Tats\u00e4chlich machte mir das Malen Lust und so aquarellierte ich &#8211; mehr als drei Jahrzehnte ist die Geschichte nun her &#8211; sieben bunte Kugeln in den sieben Regenbogenfarben. Die Malstunde wurde zum Flug. Es kam mir vor als w\u00fcrde ich mit meinen Ballonen schweben, zum Fenster hinaus, hin\u00fcber zum Kirchdach und am Wetterhahn vorbei, hinunter zu den Flussauen, die immer schon meine Zuflucht waren. Oft und gerne und in allen F\u00e4chern unternahm solche Reisen; hinunter ins Tropfsteinh\u00f6hlenreich der Geografie, mit einer Zeitmaschine zu Spartakus, Sklaven retten, oder als B\u00fccherwurm quer durchs Vokabelheft, um all die schmarotzenden Konsonanten zu eliminieren. Zugegeben, ich war ein Traumt\u00e4nzer. Oft abseits der vorgegebenen Route. Vielleicht aber war ich doch viel mehr bei der Sache als es mein Lehrer zu wissen glaubte, mehr als seine \u00fcbrigen Sch\u00fctzlinge, die immer brav aufgepasst haben und die bis heute meinen, ihnen sei nichts entgangen, weil sich der Lehrstoff nicht mit Tr\u00e4umen versponnen hat, sondern das Gedachte der anderen geblieben ist, das ihnen irgendwie nur \u00fcbergest\u00fclpt wurde. Dank meiner Traumt\u00e4nze konnte ich wenigstens hin und wieder aus mir selbst sch\u00f6pfen und so habe ich mir vielleicht jenen Teil an Begeisterung bewahrt, der mich heute noch rettet. Von den vielen Gedichten, die ich unter Zwang auswendig lernen und gerade deshalb unvermeidlich wieder vergessen musste, war das sch\u00f6nste, von Nikolaus Lenau &#8211; wen wundert es? &#8211; nicht dabei: &#8222;Wer glaubt, gehorcht, des Fragens sich bescheidet, als frommes Kind sein Pl\u00e4tzchen Wiese weidet, dem wird wohl nimmer mit dem Futtergrase die Wahrheit freundlich wachsen vor die Nase.&#8220; Doch zur\u00fcck zur Luftballongeschichte und zu dem Bild, das ich mit traumhafter Leidenschaft malte. Jeder ernsthafte K\u00fcnstler h\u00e4tte mein Werk gew\u00fcrdigt, weil es wirklich gut war und obendrein wert, eine Wand zu dekorieren. Weshalb mein Lehrer unzufrieden war verstehe ich bis heute nicht. Er kritisierte nur, die Luftballons seien nicht rund genug, unrund sogar, also viel zu bauchig. Und deswegen hatte ich sie als Hausaufgabe zu wiederholen, als Einziger der Klasse, was mich doppelt traf. Au\u00dfer mir stand niemand in der Kritik. Vielleicht &#8211; so vermute ich &#8211; hatte ich zu lange aus dem Fenster gestarrt, war zu weit mit meinen Ballonen geschwebt und verplauderte zuviel Zeit beim Wetterhahn. Vermutlich nahm mich mein Lehrer exemplarisch ins Visier und ich h\u00e4tte selbst dann keine Chance gehabt, wenn ich die Rundungen eines Peter Paul Rubens beherrscht h\u00e4tte. Denn nicht die Rundheit war das Thema pl\u00f6tzlich, sondern der Bezug zwischen Lehrer und Sch\u00fcler. Ich musste wohl b\u00fc\u00dfen, weil ich nicht bei seiner Sache war, sondern in meine Gedanken versunken. Mich traf sein Richtspruch wie Kerker und Folter zugleich. Anstatt mit meinen beiden Gef\u00e4hrten Tom Sawyer und Huckleberry Finn in die Auw\u00e4lder zu d\u00fcrfen, um an den noch unreifen Trieben meiner M\u00e4nnlichkeit zu schnitzen, hockte ich bei Mutter am K\u00fcchentisch und versuchte Luftballone runder zu bekommen als sie in Wahrheit sind. Statt den Kieselsteinen auf den Flussgrund zu gehen, Unterwasser ihr Geschiebe zu h\u00f6ren und die sch\u00f6nsten heraufzutauchen, wurde ich meiner Natur beraubt. Das Zeichnen und Malen, das mir lieb war, hatte der Herr P\u00e4dagoge als Strafe missbraucht. \u00dcberfl\u00fcssig, sch\u00e4ndlich, schikan\u00f6s empfand ich das. Stinkw\u00fctend war ich, trotzig genug, dem Hausaufgabenverlies standzuhalten. Und so wie der Graf von Monte Christo an Gitterst\u00e4ben feilte, feilte ich an meinen Luftballons, an meiner Befreiung. Nat\u00fcrlich tr\u00e4umte ich wieder und wider, weil es ohne gar nicht geht! Gegen alle Widrigkeiten brachte ich ein heiteres, farbiges Gewirke zu Papier, sieben erneut pr\u00e4chtige Kugeln. Wieder war ich stolz auf mein Gem\u00e4lde, stolz und erl\u00f6st. So sollte es vollbracht sein. Es sei keinen Pinselstrich besser als das Erste, ereiferte sich mein Lehrer. Er verlangte alles noch einmal, ein drittes B\u00fcndel, exakte Luftballone, damit ich es endg\u00fcltig lernen w\u00fcrde, wie er sagte, das Unrunde in den Griff zu bekommen. Er behandelte mein sch\u00f6nes Gem\u00e4lde respektlos. Doch des Dramas nicht genug: Um es mir zu zeigen &#8211; oder um sich selbst zu beweisen &#8211; stach er mit dem Zirkel in den gr\u00f6\u00dften der bunten Ballone. Ein perfekter Kreis wurde geschlagen, runder als die Erdkugel selbst, einengend und widernat\u00fcrlich, unertr\u00e4glich f\u00fcr jeden Luftballon, der sich durch Leichtigkeit selbst formen will. Ich sp\u00fcrte sein Zerplatzen. Er platzte lautlos f\u00fcr die Welt, bebend f\u00fcr mich im Innersten. Seine Farbe verblasste in sekundenschnelle, tr\u00fcbte ein, wurde immer kleiner und verschwand im Nirgendwo. Meine Augen benetzten sich. Ich durchlebte ein Insichzusammenst\u00fcrzen, ein Geringwerden und Geringf\u00fchlen, \u00e4u\u00dferlich so unspektakul\u00e4r, dass es keine Menschenseele bemerkte. Ich selbst nahm es kaum wahr. Es erstarrte irgendwie augenblicklich und ich war nur noch darauf bedacht meinen Zusammenhalt zu sichern, mich gefasst zu halten. Die Geschichte endet hier nicht, aber ich werde sie nicht mehr zur G\u00e4nze ausf\u00fchren. Es ist nur ein Ausschnitt beschrieben, mein kleiner Einblick in ein System, das wohl eher ein Getriebe ist. W\u00fcrde ich die ganze Entwicklung erz\u00e4hlen und von den Konsequenzen berichten die meine Weigerung, noch ein drittes Bild zu malen, nach sich zog, man w\u00fcrde es nicht wahrhaben wollen. Niemand w\u00fcrde mir glauben, dass ich einen disziplinarischen Sechser ins Zeugnis bekam, niemand, dass ein absurder Briefwechsel zwischen meinen Eltern und der Schule folgte, niemand, dass der Abfallk\u00fcbel im Pausenhof durchw\u00fchlt wurde, um Beweismaterial gegen mich zu finden, gegen den elfj\u00e4hrigen Verweigerer, welcher nicht mehr willens war, zirkelrunde Luftballons bei seinem P\u00e4dagogen abzuliefern. Einen Roman k\u00f6nnte ich \u00fcber dieses Schuljahr allein schreiben, einen unendlichen Zyklus \u00fcber das Sch\u00fclerdasein insgesamt. Man w\u00fcrde sagen: schlecht erfunden. Aber es hat sich so zugetragen und ich frage mich, wie es sich heute wohl zutr\u00e4gt. Falls es sich um eine unendliche Geschichte handeln sollte, die nicht nur mich alleine betrifft, sie m\u00fcsste viel tiefgr\u00fcndiger und gr\u00fcndlicher erz\u00e4hlt werden, viel universeller. Ich w\u00fcrde gerne einen Blick durchs Schl\u00fcsselloch moderner Klassenzimmer werfen, nachsehen: was hat sich am Schulwesen gebessert? Gewiss, die R\u00e4umlichkeiten wurden renoviert und saniert, ihre Einbauten von Asbest oder Formaldehyd befreit. Aber ist die Atemnot gelindert, die Beklemmung im Innersten gel\u00f6st? Wenn ich die Kinder an der Bushaltestelle sehe, beim Warten, Abfahren und Wiederkommen, dann frage ich mich, was sie neben ihren schweren Schultaschen noch alles zu schleppen haben. Ob sie einf\u00fchlsam behandelt werden im Unterricht, ob der Lehrer ihre abwegigen Gedanken respektiert? Oder steigt wieder einer aus dem Schulbus, der seine Luftballone nicht rund bekommen hat, der nachmittags keine Zeit finden darf, um durch die Auw\u00e4lder zu streifen und dabei vertr\u00e4umt zu sein? Wissen unsere P\u00e4dagogen inzwischen, dass es gar nicht gelingen kann, lernen ohne zu tr\u00e4umen &#8211; oder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EINE LEKTION Verschiedenfarbig h\u00e4tten sie sein sollen, mehrere bunte Ballons w\u00fcnschte sich mein Lehrer. Die Anzahl war freigestellt, aber ungerade sollte sie sein; drei, f\u00fcnf oder sieben St\u00fcck, geb\u00fcndelt an Schn\u00fcren. Mit Bleistift waren zun\u00e4chst die Konturen zu zeichnen, freih\u00e4ndig und m\u00f6glichst exakt. 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