{"id":116,"date":"2002-01-03T22:05:37","date_gmt":"2002-01-03T21:05:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=116"},"modified":"2011-02-01T22:00:36","modified_gmt":"2011-02-01T21:00:36","slug":"inselsonntag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=116","title":{"rendered":"INSELSONNTAG"},"content":{"rendered":"<p>Zu unseren Lieblingzielen geh\u00f6rt die Fraueninsel, wegen ihrer kleinen Gr\u00f6\u00dfe. Eine Runde auf dem Uferweg k\u00f6nnte man in wenigen Minuten schaffen, was uns jedoch noch nie gelungen ist und auch diesmal nicht gelingen wird. Das soll nicht hei\u00dfen, wir w\u00e4ren schwach auf den Beinen. Aber allzu gerne kehren wir ein, lassen uns ablenken und aufhalten. Die Zeit daf\u00fcr haben wir uns genommen, sonst w\u00e4re diese Insel keine wirkliche Insel. Es ist schon Ritual geworden Steine in den Chiemsee zu werfen oder sie, wie ich es als Bub gelernt habe und nun meiner Tochter lehre, \u00fcber die Wasseroberfl\u00e4che springen zu lassen. Wem die meisten Aufschl\u00e4ge gelingen der ist Sieger. Verlierer gibt es nicht. Es ist ja nur ein Spiel, ebenso wie das z\u00e4hlen der Segel auf dem See. Und dann sind da noch Muscheln zu sammeln, Blessh\u00fchner wollen gef\u00fcttert werden und irgendein Inselbesucher muss herhalten, uns zu fotografieren. Wir l\u00e4cheln im Chor, es klickt und surrt. Danke, der Herr! Dreisam spazieren wir zur Irmengardkapelle, weil dieser kleine Kirchgang auch zum allj\u00e4hrlichen Insel-Repertoire geh\u00f6rt. Es ist eine unerkl\u00e4rliche Anziehungskraft. \u201eVielleicht verbirgt sich hinter dem Gem\u00e4uer ein Geheimnis von dem noch kein Mensch wei\u00df?\u201c, versuche ich meine Tochter in Stimmung zu bringen und sie gesteht, ein mulmiges Gef\u00fchl zu bekommen. \u201eAlte Gem\u00e4uer machen ehrf\u00fcrchtig\u201c, nicke ich zufrieden und bin erstaunt \u00fcber die kindliche Ehrfurcht. Vaterstolz bl\u00e4ht meine Brust. \u201eIch habe Hunger\u201c, klagt sie und holt mich auf den Boden der Realit\u00e4t zur\u00fcck, kaum dass wir etwas Weihrauch geschnuppert haben. So hei\u00dft es, kehrt Marsch und raus aus der Gruft! Wir schenken dem h\u00fcbschen Friedhof vor der Kapelle keine Beachtung mehr und steuern schnurstracks den n\u00e4chsten Biergarten an, ins l\u00e4rmende Menschengewirke hinein. Andacht hin, Irmengard her. Gewiss, man wird unser Verhalten als unp\u00e4dagogisch bezeichnen, weil das Kind so leicht seinen Willen erh\u00e4lt, weil wir nachgeben, weil wir die Andacht opfern und keine Selbstbeherrschung verlangen. Gewiss, gewiss! Doch was w\u00e4re die Konsequenz? Ein Machtkampf mit unserer Tochter? Verschone! Einen solchen f\u00fchren wir nicht, nicht wenn wir uns einen sch\u00f6nen Tag versprochen haben. Es geht nicht um Sinn oder Unsinn, nicht um p\u00e4dagogische Leitlinien, sondern um uns. Darum geben Vater und Mutter klein bei, weil sie zu zweit noch keine Familie sind. Wir tauschen sakrale Impressionen gegen Bratenduft, was soll\u00b4s! Unser Programm lautet nicht, alles um jeden Preis durchzuziehen und einen Sieg davonzutragen gegen ein hungriges Kind. Kopf oder Bauch? Diese Frage ist keine wirkliche, keine Entscheidungsfrage. Wir sind beidem zugetan, erstens der Einkehr und zweitens der Einkehr. Unser M\u00e4dchen hat sich seine Brotzeit verdient, mit seinen kurzen F\u00fc\u00dfen ist es ohnehin schon die dreifache Strecke gelaufen. Und was die h\u00fcbschen Grabinschriften betrifft, so sind sie noch in hundert Jahren eingraviert, w\u00e4hrend der Hunger nur begrenzt Aufschub erlaubt. Bed\u00fcrfnisse, wenn sie aus dem Bauch kommen, sind unsere Wegweiser. Das touristische Ziel l\u00e4uft nicht davon. Die Irmengardkapelle, schon seit dem Mittelalter an ihrem Platz, ist der feste Beweis. Nichts eilt wirklich, so lehrt es jeder Gottesacker. Wir genie\u00dfen uns lieber jetzt und leben gut. So haben wir es immer schon gehalten, egal wie heilig der Ort sein soll. Vom Petersdom pilgerten wir zur n\u00e4chsten Gelateria, in Moustiers verf\u00fchrte uns die provenzalische K\u00fcche und bei der Heiligen Henna im Gurktal waren es K\u00e4rntner Nudeln mit viel Minze und Schmalz. Wir werden es immer wieder tun, gemeinsam schwach werden. Das Programm wird unterbrochen, die Speisekarte aufgeschlagen. Was bitte soll daran verfehlt sein? Die meisten Wirtsh\u00e4user befinden sich aus gutem Grund in Kirchenn\u00e4he. Auf der Fraueninsel werden da keine Ausnahmen gemacht, selbst die Nonnen bieten ihren Klosterlik\u00f6r feil \u2013 dem Wohlgef\u00fchl zuliebe. Dort wo f\u00fcr das Leibliche gesorgt ist gedeiht die Seele doppelt so gut. Und immer wenn unsere Tochter ausgel\u00f6ffelt hat, den Teller mit einem St\u00fcck Brot blank putzt und zufrieden mit der Welt ist, dann reicht der Blick wieder \u00fcber den Tellerrand hinaus, bis hin\u00fcber zu den Gipfeln des Chiemgaus. Die Berge leuchten heller, wenn kein Magen mehr knurrt. Der Wissenshunger kommt stattdessen. Wir werden befragt wieso im Gebirge noch Schnee liegt, wo doch unten schon alles gr\u00fcn ist. Ich, str\u00e4flich lehrerhaft, erkl\u00e4re die Physik. Meine Tochter sch\u00fcttelt den Kopf und lacht schallend: \u201eAm Berg oben ist man doch n\u00e4her bei der Sonne, dort kann es gar nicht k\u00e4lter sein als hier!\u201c Was soll da einer noch antworten, der die Dinge hohen Hauptes betrachtet, aus der Warte eines Entwachsenen? Ich verlange die Rechnung und wir wandern zum Steg. Etwas Zeit bleibt noch, wie immer, um uns ins warme Gras zu legen. Die Tochter turnt herum. Sie schl\u00e4gt R\u00e4der, springt \u00fcber Wurzeln, rudert mit den Armen. \u201eIch mache jetzt einen Kopfstand, alle zugucken!\u201c, schallt es her\u00fcber. Wir staunen nicht schlecht, wie sie ihre nackten F\u00fc\u00dfe in den Himmel streckt. \u201eJetzt stimmt alles wieder\u201c, jubelt sie , \u201eder Schnee ist unten und das Gras oben!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu unseren Lieblingzielen geh\u00f6rt die Fraueninsel, wegen ihrer kleinen Gr\u00f6\u00dfe. 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