{"id":117,"date":"2002-12-31T02:10:22","date_gmt":"2002-12-31T01:10:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=117"},"modified":"2011-02-01T21:59:59","modified_gmt":"2011-02-01T20:59:59","slug":"wenn-die-katze-ein-pferd-ware","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=117","title":{"rendered":"WENN DIE KATZE EIN PFERD W\u00c4RE"},"content":{"rendered":"<p>Pferde gehorchen mir einfach nicht, wegen meiner Unart, die Z\u00fcgel schleifen zu lassen. Die ersten Versuche endeten im Graben und der Ratschlag, ich solle die Reitpeitsche gebrauchen, bewirkte das Gegenteil: Ich stieg vom Pferd und bin nie wieder aufgesessen. Man darf mich einen Absteiger nennen; ich muss nicht um jeden Preis reiten. Nun aber holt mich meine Vergangenheit wieder ein. Baron M\u00fcnchhausen will seine Sp\u00e4\u00dfe mit mir treiben, mir eine Fantasiegeschichte aufzwingen. Seit Tagen verfolgt mich diese alptraumhafte Pferdeh\u00e4lfte, dessen Hinterteil einer Katze gleicht. Ein Ritt durch B\u00e4ume soll damit gelingen. Erste Notizen entstehen, Gedanken \u00fcber den Sinn eines Steigb\u00fcgels, weil ich nicht wirklich aufsteigen will. \u201eWenn die Katze ein Pferd w\u00e4re, k\u00f6nnte man durch die B\u00e4ume reiten\u201c, so lautet der Arbeitstitel. Ich str\u00e4ube mich gegen dieses Paradoxon, das l\u00e4ngst zu einem gefl\u00fcgelten Wort geworden ist und mit der M\u00f6glichkeit des Unm\u00f6glichen spielt. Ist es wirklich ein Pegasus, der da dem Blut der Medusa entspringen soll oder ist es nur Unvernunft? Ich r\u00fccke mein Blatt zurecht und notiere, warum der besagte Ritt eigentlich nicht funktioniert, weder auf einem Pferd, noch auf einer Katze. Es gibt Gesetze die sich nur schwer oder gar nicht verschieben lassen. Wir kommen nur daran vorbei, an den B\u00e4umen, links und rechts der Rinde, im Tunnel einer Allee oder durch den Wald als solchen. Es ist vielleicht noch vorstellbar, mit einem festen Pferd und wenn man die Z\u00fcgel beherrscht durch eine Baumkrone zu springen. Doch so ein Husarenst\u00fcck gelingt meist nur im Film. Die Wirklichkeit geizt mit schwerelosen Taten. Ross und Reiter sind nicht so schl\u00fcpfrig wie Regen, Licht oder Wind. Nur von Insekten wei\u00df man es sicher, sie schwirren durch Blattwerk und Ge\u00e4st, als best\u00fcnde so eine Krone aus Freiheit. Alles scheint endlos zu sein, es schillert und summt und surrt. Ein Weltall, Ewigkeit, wenn man so will. Doch beobachte ich einen Vogel, dann verr\u00e4t sein sprunghaftes Flattern, dass da und dort Grenzen sind. Die Fl\u00fcgel streifen den Rand des Fluges. Je sperriger das Tier, desto unbequemer wird es in der Baumkugel. Die Hindernisse wachsen proportional. Kaum noch Spielraum bleibt einer Katze, die dem Vogel nachstellt und sich dabei verrenkt. Jeder Zweig erzwingt einen Umweg. Und mir, dem Dichter, geht es nicht besser dabei. Ich ecke an, f\u00fchle mich beengt: Dieses Thema konstruktiv zu verwandeln weckt in mir Abneigung. Soll ich den Unfug wagen, mich auf ein Querfeldeinspringen einlassen und sorgenlos \u00fcber alle Naturgegebenheiten hinweg fantasieren? Ich mag mich nicht recht \u00fcberwinden. Und doch bleibt ein Restreiz, dieses Thema in Worte zu fassen und als Aberwitz aus dem Federhalter zu saugen, als h\u00e4tte ich nichts wichtiges zu schreiben? So drehe ich am Federhalter, spiele mit meiner Unterlippe, male das Fragezeichen fett aus. Meine Frau blickt mir \u00fcber die Schulter, schmunzelt und sch\u00fcttelt mitleidig den Kopf. Sie hat wohl recht, sie verdient unser beider Geld in der Wirklichkeit. \u201eArmer Poet!\u201c, streicht sie mir \u00fcber die Wange und l\u00e4sst mich allein. Ich frage mich, warum die Katze nicht Katze und das Pferd nicht Pferd bleiben darf. Will jemand reiten, so spannt er sich ein Ross ins Geschirr und kommen ihm die M\u00e4use zu frech, dann l\u00e4sst er seine Katze los. Aus dem jeweiligen Zweck leitet sich das Mittel ab. Ein Pferd taugt nicht zum M\u00e4usefang, weil es Angst vor M\u00e4usen hat. Nicht umsonst verordnet man Scheuklappen. Es werden mehr R\u00f6sser durch M\u00e4use verletzt als umgekehrt. Nun aber stelle man sich einmal vor, das Reittier w\u00e4re eine Katze, deren archaischer Reflex die Jagd ist. Ein wilder Ritt durch das Unterholz w\u00fcrde anheben. Schnurstracks der Maus hinterher, mit allen Konsequenzen f\u00fcr den Reiter. Der theoretisch erwogene Rollentausch zwischen Pferd und Katze schafft Probleme in der Praxis. Man riskiert unberechenbare Folgen, wenn man die Vorzeichen vertauscht. Was l\u00e4sst sich noch berechnen, wenn die Katze zum Pferd wird? Moden und Launen m\u00f6gen zwar vieles befl\u00fcgeln, aber auch Bruchlandungen sind m\u00f6glich. Schnell gelten die Regeln der Dressur nicht mehr. Eine Katze sattelt sich nicht wie ein Pferd, weder Sporen noch Peitsche machen sie gef\u00fcgig und im Gegenteil, sie faucht, wird erst recht rebellisch. Angenommen, ich w\u00fcrde mich ernsthaft auf eine Katzen-Pferd-Geschichte einlassen, so k\u00f6nnte alles geschehen. Ich br\u00e4uchte weder Not noch Skrupel zu haben die Wirklichkeit aus den Angeln zu heben. Der Fiktion sind keine Grenzen gesetzt. Jeder Irrsinnige darf durch die B\u00e4ume galoppieren. Tr\u00e4ume tun nicht weh. Der Utopie ist es gleichg\u00fcltig, ob irgendein Don Quichotte auf seiner Rosinante gegen Windm\u00fchlen reitet oder eine geklonte Katze zu einem Pferd mit Holzwurmeigenschaften mutiert. Die Schreiberei erlaubt ein z\u00fcgelloses Dichten, denn sie speist sich aus dem Weltall einer Baumkrone. Mir stellt sich dennoch die Frage, ob man alles schreiben darf. Meine Bedenken liegen auf der Hand: Sobald die Ideen au\u00dfer Acht geraten, sie ins \u00dcbernat\u00fcrliche verw\u00fcnscht und zu steril werden, bleibt immer weniger Gef\u00fchl und Mitgef\u00fchl \u00fcbrig. \u00dcberspannt der Autor den Bogen ins Nichtreale, verlieren sich die sch\u00f6pferischen Qualit\u00e4ten wieder. Das Unglaubliche ist dann so unglaublich, dass es jeden Geschmack verdirbt. Es ist so als w\u00fcrde ich meinen Kaffee bis zum Rand voll Zucker r\u00fchren. Irgendwann \u00fcberschreitet man den H\u00f6hepunkt und f\u00e4llt wieder ab, jenseits aller Empfindungen. Don Quichotte ist eine Fiktion und seine Geschichte nicht das Leben. Ein M\u00e4rchen nur, ebenso wie Robinson Crusoe oder Huckleberry Finn. Doch hier sp\u00fcren wir das Unechte kaum und erfahren von Menschen, von deren W\u00fcnschen, \u00c4ngsten und Tr\u00e4umen, wir erfahren uns selbst. Die Zutaten sind genau bemessen, nicht zu s\u00fc\u00df, nicht zu bitter. Das eigentlich Unglaubliche wird uns schmackhaft gemacht. Es f\u00e4llt dem Leser leicht, in eine verr\u00fcckte Welt einzutauchen. Der Zugang zur Literatur findet \u00fcber jenes Gef\u00fchl statt, das die erfundene Geschichte f\u00fcr menschenm\u00f6glich h\u00e4lt. Diese Identifikation l\u00e4sst Fantasiegestalten \u00fcber himmelhohe Bohnenranken ins Wunderland steigen, ohne dass diese Absurdit\u00e4t als Betrug empfunden wird. Fabulieren ist nicht gleich l\u00fcgen. Wie echt oder wie t\u00e4uschend ein prosaisches St\u00fcck letztlich wirkt, h\u00e4ngt von den Kunstgriffen des Verfassers ab. Kann er geistreich verzaubern und ber\u00fchren, dann kommt niemand auf die Idee, ihn der L\u00fcge zu bezichtigen. Ihm wird erlaubt ein K\u00fcnstler mit Freiheiten zu sein. Aber wo endet diese Freiheit und wer sagt ihm, wann sich seine Geschichte vom Gebrauchswert entfernt, in den Sog des Wahnsinns ger\u00e4t, den Kopf des Leser verdirbt? In diesem Sinne laufen Schriftsteller immer Gefahr, Fallensteller zu sein, irgendwo zwischen gutgemeinter P\u00e4dagogik und \u00fcbelster Seduktion. Der Grat ist d\u00fcnn wie eine Buchseite. Lenkt die literarische Vorstellung dahin, dass die Katze auch ein Pferd sein kann, mit dem ein Ritt durch die B\u00e4ume m\u00f6glich ist, so darf sich der Autor nicht darauf verlassen, dass jeder diese Fiktion erkennt. Man ahnt schon das Dilemma: Ein Hinweis, dass die Geschichte unsinnig und nicht zur Nachahmung empfohlen ist, m\u00fcsste angebracht werden, ein Beipackzettel, der vor Nebenwirkungen und Risiken warnt, eine Kontraindikation f\u00fcr Leute, die sich die Literatur zu Herzen nehmen. Ein Fr\u00e4ulein von La\u00dfberg, um hierzu ein Beispiel zu nennen, hat sich wegen &#8222;Die Leiden des jungen Werthers&#8220; in der Ilm ertr\u00e4nkt. Bevor man sich also an Goethe heranwagt, sollte das Belastungs-EKG stimmen. Oder denken wir an H.G.Wells, der eine Massenhysterie ausl\u00f6ste, eine panische Flucht vor Marsmenschen, die nur in der literarischen Fiktion existierten. Ob Selbstmord oder volkswirtschaftlicher Schaden, jeder Schriftsteller kann wie ein Brandbeschleuniger wirken. Literatur wird immer ein Trojanisches Pferd bleiben, das macht ihren besonderen Reiz aus. Die Spannung, dass etwas Verborgenes zum Vorschein kommen k\u00f6nnte, h\u00e4lt gefangen. Dieser Hinterhalt ist vom Autor beabsichtigt, vom Leser erw\u00fcnscht. Spielt eine Katze die Hauptrolle der Geschichte, so darf es keine gew\u00f6hnliche Katze bleiben. Irgendwann muss der Pferdefu\u00df sichtbar werden, eine Wende eintreten welche die Symmetrie verletzt. Doch dieser Bruch mit der uns vertrauten Welt kann auch das Abkippen der Geschichte bedeuteten. Der harmlosen Fabel k\u00f6nnte ein Untier entkommen. Unser Ritt durch die B\u00e4ume, falls die Katze ein Pferd w\u00e4re, birgt diese teuflische Versuchung dem Leser etwas B\u00f6ses anzutun. Der Autor wird zum T\u00e4ter, das Schreiben zur Machenschaft, seine Worte zum Stoff. Der Leser ger\u00e4t in die Abh\u00e4ngigkeit seichter Drogen und in ein triviales Milieu. Soll ich meine Fantasie in eine Begegnung dieser unheimlichen Art m\u00fcnden lassen, schlechte Science Fiktion anbieten? Wieder stellen sich mir die Haare auf, weil ich ein Heer von Robotern marschieren sehe, deren Uterus ich selbst bin. Aus der nackten Singularit\u00e4t eines Wurmloches schl\u00fcpfend bem\u00e4chtigen sich diese Aliens meiner Baumkrone. Die Welt wird \u00fcberall gleichgeschaltet und wir Poeten werden zu konformen Schreibmaschinen. Die Macht unserer Poesie geht verloren, um das Pferd in eine Katze zur\u00fcckzuverwandeln. Aus der dunklen Materie gibt es kein Entrinnen, jeder Lichtblick wird aufgesaugt. Raum und Zeit entschwinden in einer unendlichen Geschichte. Technotoren sprengen das Sonnensystem, trinken Sauerstoff und sagen stereotype Spr\u00fcche auf. Nightmare-Monster bilden Metastasen aus, kybernetische Organismen, denen vielfach K\u00f6pfe nachwachsen, sobald man einen nur abschl\u00e4gt. Die apokalyptischen Reiter haben &#8211; um das Thema erneut zu bedienen &#8211; Katzen gesattelt. Der Zeichentrick kriecht aus dem Nachmittagsprogramm. Es ist die Halbwelt der Transformer und Power-Rangers. Mirakulix reicht seinen Zaubertrank f\u00fcr hyperaktive Kinder, den Wunschpunsch der schlaflosen N\u00e4chte. Ich erschrecke vor meiner eigenen Fantasielosigkeit. So schnell kann man Alptr\u00e4ume machen. Die Vorz\u00fcge der Fiktion sind schnell verbraucht, wenn der Autor z\u00fcgellos dahingaloppiert. Der Gaul geht mit ihm durch. Ein harmloser Ausritt auf einer Katze wird zur Hetzjagd ins Absurde, dorthin wo das Unmachbare machbar, das Nat\u00fcrliche unnat\u00fcrlich, das Sinnliche \u00fcbersinnlich wird. Pl\u00f6tzlich ist auch das Leid schmerzlos, die Empfindung schrumpft in sich zusammen. Es kommt zum Mega-out. Unsere Kinder verlieren jede Sprache, werden zum Fall der Logop\u00e4den. Sie m\u00fcssen fortan Beruhigungss\u00e4fte trinken gegen das Verlangen, sich mit aller Gewalt ausdr\u00fccken zu wollen. In einem Land transparenter B\u00e4ume und Pferdekatzen frisst die Fantasie ihre eigenen Helden. Unsere Huckleberry Finns werden atomisiert und in den Spiralnebel des Virtuellen katapultiert. Ich versuche mir entgegenzuhalten, dass diese Katze-Pferd-Geschichte auch behutsam angegangen werden kann, mit Feinsinnigkeit und Gesp\u00fcr. Gewiss, ich habe eben den Teufel an die Wand gezeichnet und \u00fcbertrieben. Aber ich stecke in einer Zwickm\u00fchle, da reagiert man \u00fcber. Mein Problem ist, dass ich weder so noch so schreiben m\u00f6chte, nicht unsanft, nicht sanft. Ich will die Welt nicht auf den Kopf stellen und auch keinen Kopfstand veranstalten. Supermann ist mir zu fantastisch, Hampelmann zu albern. Meine Helden w\u00fcnsche ich mir dazwischen. Es sollen gew\u00f6hnliche Helden sein, normale Menschen und ihre allt\u00e4glichen Taten. Mehr nicht, weniger auch nicht. Tr\u00e4ume die uns betreffen, Visionen die fern aber greifbar sind, Sorgen die man beheben kann &#8211; das w\u00e4re mein Thema. Nach einem Land wo die Katze ein Pferd sein muss, weder Fleisch noch Fisch, habe ich keine Sehnsucht. Ein solches Land besch\u00e4ftigt ihre Dichter nur mit abstrakten Rechenaufgaben. Wenn die Katze (A) ein Pferd (B) w\u00e4re, k\u00f6nnte man durch die B\u00e4ume (C) reiten? Ein Grenzwert? Pferd durch Baum, bleibt wie viel Katze im Sinn? Erstellen Sie eine Textanalyse! Berechnen sie das Versma\u00df f\u00fcr folgendes Gedicht:<\/p>\n<p>unter meiner birnenpalme<\/p>\n<p>zehrt von meiner beere<br \/>\nund deren ungestalt<br \/>\nverzaubert zum lik\u00f6re<br \/>\ngeist erf\u00fcllt euch bald<br \/>\nbringt herbei den kater<br \/>\ndurch r\u00e4umlichkeit und zeit<br \/>\nes sattelt sich mit schatten<br \/>\ndes baumes bl\u00e4tterkleid<\/p>\n<p>denkt euch alle himmel<br \/>\nund blitze bl\u00e4ulich sch\u00f6n<br \/>\nin ungez\u00e4hmten bildern<br \/>\nwill alles blind geschehn<br \/>\npferdeblicke strahlen<br \/>\nkatzenschlitze rund<br \/>\nrosa linsen malen<br \/>\nscheinheile welt gesund<\/p>\n<p>Mir kommen surrealistische Bilder in den Sinn. Rene Magrittes Carte Blanche scheint meinem Horror-Thema Pate gestanden zu haben. Eine zerst\u00fcckelte Dame mit Pferd reitet durch die B\u00e4ume. Die T\u00e4uschung gelingt, aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick f\u00fchle ich mich betrogen. Das Gem\u00e4lde befremdet mich. Bei Hieronymus Bosch und Salvador Dali geht es mir nicht besser. F\u00fcr mich sind beide irgendwie Tierqu\u00e4ler. Der eine spannt V\u00f6gel ins Geschirr, der andere steckt sie in Brand. Woher nimmt der K\u00fcnstler dieses Recht, Dinge anzusprechen oder auszumalen, Dinge, die unanst\u00e4ndig sind? Woher nimmt er das Recht, verwerfliche M\u00f6glichkeiten zu erw\u00e4gen? Da kommen Pferde auf Stelzenbeinen daher, Giraffen brennen lichterloh und Elefanten tragen Alt\u00e4re oder nackte Frauen. Die Fantasie wird zur Gebetsm\u00fchle, zum Exorzismus, zur Mystik. Mit Dali ziehen surrealistische Rauchschwaden auf, vernebeln den Sinn und wabern dorthin, wo Seeschwalben Meerkatzen und Meerkatzen Seepferdchen sind. Im Grunde ist der ganze Surrealismus eine Albernheit, ein dummer Streich. Unsere Wahrnehmung wird genarrt. Bauteile, die unsere Vorstellungskraft braucht, werden einfach ausradiert oder dort hinzugef\u00fcgt wo sie st\u00f6ren. Aber die Wirklichkeit l\u00e4sst mit sich nicht spielen, ganz egal was wir uns einbilden. Wir k\u00f6nnen uns auf den Kopf stellen oder verr\u00fcckt werden, die Welt ist keine Auslegungssache. M\u00f6chte ein Literat sich inspirieren lassen, so sollte er besser die Laboratorien der Welt besuchen. Dort werden die realen Unglaublichkeiten gez\u00fcchtet, Dinge f\u00fcr die noch keine Namen erfunden sind. \u00c4pfel, die sich wie Bananen sch\u00e4len lassen; K\u00fche, aus deren Euter Ziegenmilch flie\u00dft; M\u00e4use, denen ein menschliches Ohr entw\u00e4chst. Was bleibt dem K\u00fcnstler? Welchen Wert hat der Baumritt? Die Wissenschaft arbeitet l\u00e4ngst daran \u2013 ohne verkl\u00e4rtes Dichtergehabe, ohne dem gesunden Empfinden einen Streich zu spielen. Es geht wirklich an die Substanz. Ross und Reiter will man in deren Bestandteile zerlegen, durch das molekulare Gittergeflecht des Holzes sieben und auf der Hinterseite wieder zusammenzuf\u00fcgen. Es ist nur Frage der Zeit, wann die ersten Gegenst\u00e4nde von da nach dort transportiert werden, so wie man Fernsehbilder sendet und empf\u00e4ngt. Unl\u00e4ngst gl\u00fcckte schon die Teleportation von Quanten. Und weil unsereins nichts anderes sein soll als ein Quantenzustand, so glaubt man, k\u00f6nnen irgendwann auch Menschen per Rundfunk \u00fcbertragen werden. Was bleibt mir als Literat zu schreiben? Ein Kommentar etwa, dass mich diese Entwicklung besorgt, dass ich sie f\u00fcr unnat\u00fcrlich halte und ich darin eine Demontage der Sch\u00f6pfung sehe? Soll ich die Frage er\u00f6rtern, was mit Geist und Seele bei einer Teleportation geschehen k\u00f6nnte? Geht das Menschliche wom\u00f6glich in der Maserung des Baumes verloren? Oder aber soll ich im Gegenteil eine Hymne auf die neuen Technologien komponieren, einen Lobgesang anstimmen, der mit der Leistungsf\u00e4higkeit moderner Teilchenbeschleuniger w\u00e4chst? Oder weder noch, weil sich ein Schriftsteller nur um die Sprache zu k\u00fcmmern hat, zeitlos und selbstgef\u00e4llig? Je mehr ich schreibe erkenne ich, dass die Welt kein d\u00fcnnes Blatt Papier ist, auf dem sich alles leicht zusammenreimen l\u00e4sst. Auch wenn es mir gefallen w\u00fcrde, nur mit den Armen zu rudern, um fesselfrei in die L\u00fcfte zu steigen, es bleibt mir verwehrt. Ich bin kein Vogel, will es nicht sein. Ich liebe die Last des Menschlichen. Und ich liebe das Menschenm\u00f6gliche. Beides, Bodenhaftung und Traum, lassen mich wirksam werden. Ich folge gerne in Gedankenwelten, aber nicht ins Sterile, ins Absurde. Ich habe mir einen Standpunkt erarbeitet den es zu vergr\u00f6\u00dfern gilt. Dalis Bilder engen meinen Blick jedoch ein, weil jeder Pinselstrich dominant ist. Seine Giraffen lassen mich kalt, ihr Brennen ist nicht feurig, sie rauchen wie Schornsteine. Sie zeigen kein Gef\u00fchl, was sollte ich von ihnen lernen? Stolz, \u00fcberheblich, unger\u00fchrt schreiten sie durch eine Szenerie, die nichts mit der Welt gemein hat, die ich liebe. Warum blutet das Pferd von Magritte nicht? Wieso d\u00fcrfen Zeichentrickfiguren in Lavafl\u00fcssen ertrinken und von Dampfwalzen \u00fcberfahren werden ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen? F\u00fcr mich endet hier die Fantasie, ich sehe T\u00e4uschungsversuche. Manche m\u00f6gen gelungen sein, die meisten aber sind billig. Und hier endet auch mein Versuch, ein Thema auszuwalzen, das nie mein Thema werden wird. Die Katze darf Katze und das Pferd Pferd bleiben. Da pflichtet mir sogar Huck Finn bei, mit dem ich mich um Mitternacht auf dem Friedhof von St.Petersburg treffen will. Er hat eine Hexerei vor. Die Katze der Witwe Douglas verwirkte n\u00e4mlich ihr siebtes Leben und Huck muss sie in geweihter Erde bestatten. Seine Warzen verschwinden dann, hat ihm Tom Sawyer verraten. Mich braucht er wegen der Zauberformel und weil ich rote Haare habe. \u201eAber wenn etwas schief geht?\u201c, fragte ich \u00e4ngstlich. \u201eWas soll schon schief gehen, Wolfgang?\u201c, lachte er mich sp\u00f6ttisch aus. \u201eDie Geister der Toten, Huck, die Geister&#8230;\u201c, warnte ich. \u201eTeufel auch \u2013 es klappt! Um Mitternacht will ich dich an der Mauer sehen und keinen Glockenschlag zu sp\u00e4t!\u201c, verlangte Huck. Er schwor einen Eid aufs Schwert und unterschrieb mit Blut, dass er es selbst zum Abdecker reiten werde, sollte je ein warziges Pferd aus dem Katzengrab steigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pferde gehorchen mir einfach nicht, wegen meiner Unart, die Z\u00fcgel schleifen zu lassen. Die ersten Versuche endeten im Graben und der Ratschlag, ich solle die Reitpeitsche gebrauchen, bewirkte das Gegenteil: Ich stieg vom Pferd und bin nie wieder aufgesessen. Man darf mich einen Absteiger nennen; ich muss nicht um jeden Preis reiten. Nun aber holt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":"","jetpack_publicize_message":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-117","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichten"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/paU4IK-1T","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2324,"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117\/revisions\/2324"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}