{"id":31,"date":"2002-12-30T21:58:14","date_gmt":"2002-12-30T20:58:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=31"},"modified":"2011-02-01T22:00:24","modified_gmt":"2011-02-01T21:00:24","slug":"gewaltiger-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=31","title":{"rendered":"GEWALTIGER MENSCH"},"content":{"rendered":"<p>Am Anfang herrschte nur Leere, die Stille des Vakuums. Weder Zeit noch Raum existierten, ein unvorstellbares Nichtvorhandensein. Kein Hebel wirkte, kein Qu\u00e4ntchen Ladung, kein Gesetz. 15 Milliarden Jahre sp\u00e4ter sitze ich auf der Terrasse, h\u00f6re Johann Sebastian Bach von der CD und tippe in den Computer: Aus diesem Nichts wurde ein Etwas geboren. Nicht nur billionenfach Sterne \u00fcber mir, sondern Gesetze dazu, Bewegung und Energie im \u00dcberfluss. Ich erahne -von wegen Staubkorn &#8211; Gr\u00f6\u00dfe. Der Blick ins Teleskop l\u00e4sst den eigenen Wert nicht schrumpfen. Wer sonst im Weltall kann Glas schmelzen und Linsen schleifen? Wer sonst in dieser Unermesslichkeit richtet Antennen aus und sucht seinesgleichen? Wir reimen Gedichte, komponieren Musik und transplantieren Herzen. Mein Staunen entfaltet sich grenzenlos \u00fcber diesem Gewirke. Und wir Menschen h\u00f6ren nicht auf zu flechten, wachsen heran und bauen weiter. Mich ergeift es zutiefst. Die Ideen in uns, das Verm\u00f6gen einander zu lieben. Der Glaube, eine Zukunft zu haben. Welch ein Zauber aus Geist und Materie &#8211; wie kann es nur wahr sein? Ich hole Bach aus dem Laufwerk und st\u00f6bere in meiner Sammlung. Yehudi Menuhin ist an der Reihe und muss auf seiner Violine brillieren, sooft ich will, Beethoven. Dank einer Fernbedienung f\u00fcgt sich die Kunst meiner Laune. Die Technik schafft Harmonien herbei, eine Welt voll Zukunftsmusik. Alle Bestrebungen flie\u00dfen in ein und dasselbe Beh\u00e4ltnis. Der Krug f\u00fcllt sich rascher denn je und wir sch\u00f6pfen mit Flei\u00df. Die Hieroglyphen sind zu digitalen Signalen geworden, aus dem Entenkiel wurde eine Tastatur. Mikrochips erledigen die Arbeit ganz ohne Sklaverei. Maschinen bef\u00f6rdern das Menschsein, wir bereichern uns ungeahnter M\u00f6glichkeiten. Der Zugewinn wird greifbar, Schritt f\u00fcr Schritt, von Tag zu Tag, Staat um Staat. Ein globaler Geist will jeden vers\u00f6hnen. Das Fortschreiten befreit von einer Natur die seit Gedenken nur den St\u00e4rksten unter den Starken ein Lebensrecht zusprach. Die Vernunft erl\u00f6st vom Faustrecht, das Denken verlangt nach Moral und Gesetz. Wer glaubt, die Welt w\u00fcrde schlechter, der hat die Geschichte des Lebens nicht gelesen. Jeder Tag vor dem heutigen weist den Weg zur\u00fcck ins Chaos. Ich w\u00fcnsche mir keine Sekunde Vergangenheit wieder. Mein Aufsatz nimmt Gestalt an, sucht und tastet sich zum Anfang einer Entwicklung die Geist hervorgebracht hat. Zufall, sagen die einen und leiten Wahrscheinlichkeitsrechnungen ab. Gott, meinen die anderen und versammeln sich in Religionen. Ich streite gerne mit, lasse das Feld unbestellt und widme mich dem Zeitpunkt, als unsere Sonne zu leuchten beginnt, vor etwa f\u00fcnf Milliarden Jahren. Dar\u00fcber schreibe ich. Die Erde entsteht wie nebenbei, damals ein unwirtlicher Klumpen aus Gestein und Metall, umh\u00fcllt von einer Atmosph\u00e4re, die giftiger nicht h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Keine guten Bedingungen, je Leben zu beherbergen. Die Realit\u00e4t aber widerlegt jeden Zweifel: Auf diesem sterilen Planeten fand ein Wunder statt, das zu den gr\u00f6\u00dften z\u00e4hlt. Verschiedene Molek\u00fcle verkn\u00fcpften einander und gaben sich selbst Struktur. Eine Urzelle wurde geboren. Leben! Das erste Bakterium machte sich auf den Weg ein abgekochtes Meer zu besiedeln. Die Zellteilung, ein Geniestreich. Es folgte eine Schwemme von Einzellern und die Bildung von Zellkolonien. Wie winzige Fabriken ersannen sich diese Organismen immer raffiniertere Tricks Chemikalien zu verarbeiten und in den eigenen K\u00f6rper einzubauen. Die mikroskopischen Gebilde erstarkten, wurden komplexer, komplizierter, vielf\u00e4ltiger, gr\u00f6\u00dfer. Algen traten in Erscheinung und ihnen gelang vor anderthalb Milliarden Jahren ein neues Kunstst\u00fcck, die Fotosynthese. Aus kohlensauerem Gas wurde Sauerstoff hergestellt; eine Bef\u00e4higung, ohne die h\u00f6herentwickeltes Leben undenkbar gewesen w\u00e4re. Generalstabsm\u00e4\u00dfig scheint die belebte Natur vorzur\u00fccken, sich selbst den Weg zu ebnen und Br\u00fccken in eine noch ferne Zukunft zu schlagen. Ich schmunzle, als ich pl\u00f6tzlich einem Irrtum auf die Schliche komme, n\u00e4mlich, dass die Natur ein Kreislauf sei, ein regeneratives Karussell also. Das widerspr\u00e4che ja der Evolution. In Wirklichkeit beschreibt das Leben eine Spirale, welche sich seit Anbeginn empor dreht und niemals wieder an einen Punkt zur\u00fcckkehrt. Die landl\u00e4ufige Meinung, dass sich jede Daseinsform der Umwelt angepasst habe, ist alles andere als richtig. Genau das Gegenteil stimmt, dieses Leben schuf sich selbst jene Bedingungen, die es brauchte. Die urspr\u00fcnglich ungenie\u00dfbare Weltkugel wurde zusehends entgiftet, gereinigt und urbar gemacht. Trinkwasser, Nahrung und Atemluft musste sich das Leben selbst bereiten. Und mehr noch: auch m\u00e4chtige geologische Formationen entstanden beim pflanzlichen und tierischen Stoffwechsel. Gebirgsketten aus Kalk und Kreide, beispielhaft die Alpen, erbaute sich dieses eigensinnige Leben. Es begn\u00fcgte sich zu keinem Zeitpunkt damit, nur ein Kreislauf zu sein. Es war und ist die pure Verschwendungssucht. Hin und wieder geschieht es, dass mir dieser Beethoven die Augen glasig macht. So jetzt. Wer oder was bin ich? Da sitze ich in der wohligen W\u00e4rme der Fr\u00fchlings-Sonate, versuche mich und meine Gedanken f\u00fcr den Aufsatz zu sammeln, aber alles ger\u00e4t doch aus der Fassung. Es ber\u00fchrt mich, bewegt mich, versetzt mich in Schwingung. Eine schaurige G\u00e4nsehaut \u00fcberzieht mich, beim Adagio molto expressivo. Mir bleibt nicht mehr als eine Ahnung, eine Sehnsucht die mich erhebt. Das Taschentuch hilft da wenig, nur ein rettendes Scherzo. Ich schlage im Lexikon nach, dass die modernen S\u00e4ugetiere dem Terti\u00e4r zuzuordnen sind. Zahlen und Fakten die mir vielleicht noch n\u00fctzlich sind werden notiert. Eine Unart von mir, mich ablenken zu lassen, aber schon folge ich den Querverweisen und Fotografien in eine grausame Historie. Totschlag und Machtk\u00e4mpfe, uns\u00e4gliche Kriege, Vertreibung, Verachtung, Verwerflichkeit. Meine Stimmung schwankt, Auschwitz ersch\u00fcttert mich. Irre ich, t\u00e4usche ich mich im Menschenbild? Nein, ich glaube an das Heilsame, ich glaube an keinen R\u00fcckfall, ich glaube an das unabwendbar Gute in uns, an die Reife, an Verantwortlichkeit. Der Ungeist welkt, zeigt sein d\u00fcrres Braun nur noch kurz. Im Gegensatz zu Bach oder Beethoven ist Hitler wirklich tot. Das Geistige des Menschen wird alle Hitlers restlos ausspucken. Was einst wildw\u00fcchsiger Dschungel war, darin ein Nachstellen und Zerfleischen, kultiviert sich in Menschengestalt. Die Evolution weist nur in diese eine Zukunft. Vom afrikanischen Graben, zwei Jahrmillionen vor unserer Zeit, wanderte eine neue, findige Spezies in Richtung Asien. Ein erster Menschenversuch. Der Homo Erectus vermochte Feuer zu nutzen und fertigte Faustkeile an. Ihm folgte der Homo Sapiens, den es beim zweiten Anlauf nach Europa verschlug. \u00dcberreste seiner Sippschaft fand man im Neandertal. Er besa\u00df die neue geistige Qualit\u00e4t, tote Artgenossen zu bestatten und verf\u00fcgte \u00fcber ein reflektierendes Bewusstsein. Aber erst der letzten Hominiden-Gruppe gl\u00fcckte das \u00dcberleben. Vor nur hunderttausend Jahren machte sich der Homo Sapiens Sapiens auf die Reise. Am 21. Juli 1969 erreichte er den Mond. Ein gro\u00dfer Schritt und immer noch erst der Anfang. Ich denke, Utopia wird gebaut werden, Menschen werden es bauen. Raumsonden haben unser Sonnensystem verlassen und tragen Botschaften hinaus, um fernen Welten unser Erwachen zu verk\u00fcnden. Mit an Bord ist eine Kostprobe menschlicher Psyche, auf Schallplatte gepr\u00e4gt. Glenn Gould spielt ein Pr\u00e4ludium und Fugen von Johann Sebastian Bach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang herrschte nur Leere, die Stille des Vakuums. Weder Zeit noch Raum existierten, ein unvorstellbares Nichtvorhandensein. 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