{"id":40,"date":"2002-12-30T23:31:25","date_gmt":"2002-12-30T22:31:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=40"},"modified":"2011-02-01T22:00:11","modified_gmt":"2011-02-01T21:00:11","slug":"elegie-im-freien-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=40","title":{"rendered":"ELEGIE IM FREIEN FALL"},"content":{"rendered":"<p>Wieder ein Springer abgest\u00fcrzt, lese ich in der Zeitung, schuld sei die Rei\u00dfleine. Er hinterl\u00e4sst eine Frau und Kinder.<\/p>\n<p>Was f\u00fchlt man wohl, wenn sich der Fallschirm nicht \u00f6ffnet? Welche Augen macht einer, der vom Himmel f\u00e4llt? Ich kann es mir nicht vorstellen, weil es unvorstellbar ist. Aus diesem Stoff werden Alptr\u00e4ume gemacht.<\/p>\n<p>Da rast dir ungebremst jene Welt entgegen, die dich geboren hat, und du wei\u00dft, nun ist die Sache beschlossen. Manche sagen, es spule sich das ganze Leben ab, wie ein Film im Zeitraffer.<\/p>\n<p>Es trifft jeden, unstillbar verblutet die Zeit.<\/p>\n<p>Auch ich bin schon kurzatmiger geworden, schwerf\u00e4llig. Der Fels, f\u00fcr den ich mich gehalten habe, ist das Rinnsal einer Sanduhr. Es wird mir anders zumute, wie dieses Dasein schrumpft.<\/p>\n<p>Je n\u00e4her der Boden kommt, desto fremder wird man sich.<\/p>\n<p>W\u00fcrde ich, der noch nie gebetet hat, beten? H\u00f6rt man die Fr\u00f6mmsten Gott verfluchen? Oder bleibt ein Funke Hoffnung zum Schluss, ein Federflaum Urvertrauen, dass der Aufschlag nichts zerbricht und ich mir treu bleiben darf?<\/p>\n<p>Was entstellt einen Menschen, wie verliert sich sein Gesicht?<\/p>\n<p>Du immer, mit deinen komischen Gedanken, hei\u00dft es, wenn ich G\u00e4ste um mich habe und der Weingeist geschw\u00e4tzig plaudert. Doch die Sorge ist ernst. Es w\u00e4re mir zuwider, w\u00fcrden sich in meiner Lade unreife Skizzen finden, anstatt des Gedichts. Darum f\u00fchre ich nie Tagebuch.<\/p>\n<p>Heute k\u00e4me mir der Absturz ungelegen. Die Wohnung sieht schlimm aus. Meine W\u00e4sche, das Schuhwerk, der Fu\u00dfboden, nichts ist gemacht. Ich sei schlampig gewesen, wird man mir nachsagen. Wenn ich vor dem Herbstputz zerscherbe, wof\u00fcr habe ich gelebt?<\/p>\n<p>Verzweiflung ist ein seltsames Verlangen nach Ordnung.<\/p>\n<p>Denkt der Fallende, dass dies gar nicht wahr sein darf, weil er in Wirklichkeit schlafe? Wer von uns kennt sie nicht, die Tr\u00e4ume, in denen man aus allen Wolken f\u00e4llt, abw\u00e4rts st\u00fcrzt, unendlich ins Leere fliegt? Pl\u00f6tzlich, ohne zu wissen weswegen, ist die Erde weit unter dir und du ruderst durchs Vakuum. Im Flug begegnen dir Menschen, aber es versagt dein Schrei, die Kehle schn\u00fcrt es eng.<\/p>\n<p>Nichts sei leichter als andere um Hilfe zu bitten, dachte ich, doch es ist das Schwerste. Die Bitte l\u00e4hmt. Man w\u00fcrde sich f\u00fcr jeden Millimeter sch\u00e4men. Undenkbar, ein Zeichen zu geben. Die Signale verschwimmen. Man winkt mir zur\u00fcck, freundliche Missverst\u00e4ndnisse und Gegenzeichen.<\/p>\n<p>Es rei\u00dft dir die Augen auf und die Sonne blendet. Du erkennst dein Zimmer, deine Welt. Drau\u00dfen am Kirschbaum flattern gelbliche Bl\u00e4tter und ein L\u00fcftchen weht. Du kuschelst dich in deine Decke und sp\u00fcrst Geborgenheit.<\/p>\n<p>Nur ein herbstlicher Traum, denkst du, ich lebe noch, du.<\/p>\n<p>Eine vertraute Stimme ruft mich zum Fr\u00fchst\u00fcck, der Kaffee duftet, die Br\u00f6tchen sind warm, das Ei nach meinem Geschmack. Der Salzstreuer steht in Reichweite. In der Mitte brennt eine Kerze, einfach nur so, aus einer Laune heraus. Dem Radio entkommt Musik.<\/p>\n<p>Im Tischtuch klebt Wein, Glassplitter funkeln. Der Boden zeigt neue, tiefe Kerben. Ich erinnere mich an einen gelungenen Abend mit lieben Freunden.<\/p>\n<p>Vom Aufr\u00e4umen bin ich erwacht, innerlich.<\/p>\n<p>Am Morgen genie\u00dft es sich sorglos, wenn man sich den Tag freigenommen hat. Die Zeitung liegt bereit. Ich beginne von hinten, z\u00e4hle nach wer alles gestorben ist und vergleiche deren Alter mit dem meinen.<\/p>\n<p>Weint nicht um mich, ich liebe noch, l\u00e4nger als die Erde dreht, lese ich, dazu ein Name. Ich kenne das Gesicht, nehme einen Schluck vom bittersten Kaffee. Sollt einst f\u00fcr mich ein Spruch geschrieben stehen, diesen hier w\u00fcnsch ich mir oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Bl\u00e4tter fallen, doch schlagen sie je auf?<\/p>\n<p>Meine Frau interessiert sich f\u00fcr das Feuilleton. Wer spielt heute, was wird aufgef\u00fchrt, wie gef\u00fchrt spielt sich der Kritiker auf? Unsere Tochter sucht im Kinderprogramm die Sendung mit der Maus, derweil ich in den Lokalteil gerate.<\/p>\n<p>Die Provinz und deren Kn\u00f6cheltiefe ist meine Lekt\u00fcre. Ich kenne die Sechzig-, Achtzig- und Hundertj\u00e4hrigen, als sie noch drei\u00dfig, f\u00fcnfzig, siebzig waren und es verraten sich die ersten, zweiten oder dritten B\u00fcrgermeister so durchscheinbar, wenn sie gratulierend aus der Zeitung l\u00e4cheln, Gesichter hinter Geschenkk\u00f6rben, zwischen Dosenfleisch und roten Rosen. Ich lache schallend, zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Z\u00e4hlt mich zu den Bodenlosen!<\/p>\n<p>Eine Schlagzeile bleibt haften. Die billige Machart lockt mich in die Falle. Mein Widerwille spreizt, str\u00e4ubt sich nur halbherzig. Die Lust am Scherben ist stark. Egal, ob man seine Zeitung hinten oder von vorne aufschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Irgendwann ist jeder dort, genau dort, wo er, wie er meist vorgibt, nicht sein mag, wohin man ihn aber bekommt, ins Sensationsgeschehen, ins Aufprallereignis, in die Blutlachen namenloser Sturzopfer.<\/p>\n<p>Eigentlich, so sage ich jeden Morgen zu meiner Frau, m\u00fcssten wir f\u00fcrs Zeitungslesen Schmerzensgeld verlangen. Warum nur diese Berichte \u00fcber gefallene Menschen? Abst\u00fcrze, von oben nach unten. Aufschl\u00e4ge in jeder Spalte, Bilder, die den Rand des Abgrundes auftun. Abs\u00e4tze, Auss\u00e4tzige und Bodensatz zwischen den Zeilen. Gedruckt werden die Leichtsinnsfehler der Bergsteiger, der Dachdecker und Piloten.<\/p>\n<p>Dem Seilt\u00e4nzer auf dem Titelbild ist die Balance entfallen. Sein gestochenes Gesicht zeigt das Erstarren, den Blick der Unendlichkeit, die letzte Momentaufnahme einer Vorf\u00fchrung. Im Leserforum der Woche wird diskutiert werden \u00fcber den Nutzen des Seiltanzes, \u00fcber das Versicherungsrecht und die Angleichung der Beitr\u00e4ge zu Gunsten des Durchschnitts.<\/p>\n<p>Jeder der fallen kann wird auch seinmal fallen. Es gelingt nur kurz, f\u00fcr einen Zwischenruf sich oben zu halten. Die Felswand ist ebenso wenig eine Bleibe wie das gespannte Drahtseil. Es reicht zum Nervenkitzel, f\u00fcr ein Gastspiel und die blitzschnellste aller Nummern, denn der H\u00f6henflug einer Sternschnuppe ist gleichsam die Sturzbahn.<\/p>\n<p>Der Reporter rast von Absturzstelle zu Absturzstelle. Auf die Rechtzeitigkeit kommt es an und darauf, schneller zu sein als der Notarzt. Die Neugier will noch vor dem Herzblut gestillt sein.<\/p>\n<p>Mit meinem ganzen Gewicht ahne ich den Aufschlag. Der Fall selbst ist kein wirkliches Ereignis. Aus der Neugier wird Altpapier.<\/p>\n<p>Gelesen ist gewesen.<\/p>\n<p>Was z\u00e4hlt im Leben? Haut, Fleisch, Knochen, oder wer bin ich? Wie ist meine Beschaffenheit? Ein Gedanke nur, eine Berechnung, die Wahrscheinlichkeit dar\u00fcber, dass es gar keine Existenz geben d\u00fcrfte im Universum, die zu dieser Frage bef\u00e4higt? Die Wahrheit aber ist, dass wir es k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gedanken sind unser wertvollster Besitz.<\/p>\n<p>Wem hinterl\u00e4sst man die Zukunft, wer beerbt dich und mich? Uns d\u00e4mmert es, dass wir l\u00e4ngst abgesprungen sind und seit Geburt fallen. Dabei m\u00f6gen unerkl\u00e4rliche Wunder passieren, nur der blanken Haut entfalten sich keine Schirme.<\/p>\n<p>Vage Hoffnungen begleiten uns, mehr Halt bekommen wir nicht. Wer Unglaubliches verspricht, eine Kehrtwende und das Nirwana, die Schwerelosigkeit wom\u00f6glich, der ist ein Verf\u00fchrer und malt das Blau vom Himmel.<\/p>\n<p>Die Sterne, glaubt mir, l\u00fcgen nichts vorher,<br \/>\nsie schweben leicht oder schwer,<br \/>\nin ihrer Mechanik aus Raum und der Zeit<br \/>\ndehnt alles sich breit.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re, k\u00f6nnte mir ein Sturz nie schaden? Es st\u00fcnde keine Frist mehr entgegen, nur des Lebens Unendlichkeit. Ich k\u00f6nnte mich in die abgr\u00fcndigsten L\u00f6cher st\u00fcrzen, ohne mir dabei Not anzutun. Ewiges Dasein, Verw\u00e4sserung statt Verwesung. Alles lie\u00dfe sich aufs Irgendwann vertagen, sorgenfrei. Warum sollte ich mich nicht niederst\u00fcrzen, in Kamikaze-Laune aufschlagen und die Welt durchbohren? Wenn alles erneut in einen Anfang m\u00fcndet, was sollte mich da noch zur Besinnung bringen?<\/p>\n<p>Verf\u00fchrt nicht der Glaube an Unsterblichkeit, macht er nicht eitel?<\/p>\n<p>Wir Menschen wissen nichts vom Geheimnis und ich darf das Sterben noch f\u00fcrchten. Etwas Unbestimmtes ist offen, ist Hoffen. Und weil ich Gef\u00fchle bekomme, so sehr beim Gedanken, mein Fallschirm k\u00f6nnte versagen, allein deshalb muss mir das Leben mehr bedeuten. Ich darf es nicht fahrl\u00e4ssig lassen, nicht absch\u00e4tzig sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Das Befinden \u00fcberwiegt die Beschaffenheit. Ein schlichter Gedanke hat mehr Kraft als alles Geplapper zusammengenommen. Auf die Art und Weise kommt es an. Mein Beitrag zur Ewigkeit muss sein!<\/p>\n<p>Ein gelungener Abtritt ist deine Spur.<\/p>\n<p>Verfehlungen brennen sich ins Gewissen und ich werde niemals schnell genug fallen k\u00f6nnen um meine Natur abzustreifen. Nichts l\u00e4sst sich heraussch\u00e4len aus einem selbst, der Zerfall w\u00fcrde nur dem Fall vorauseilen.<\/p>\n<p>Ich kann mich verw\u00fcnschen oder betr\u00fcgen. Bis zum Aufschlag geh\u00f6rt mein Flug mir und jede Feder bestimmt, wie zerstreut, wie entfernt, wie nahe ich doch gefunden werde. Meine Schwingen rudern, verraten die Versuche eines Leichtsinnigen, der immer und immer wieder springen will, nur \u00fcber den eigenen Schatten nicht.<\/p>\n<p>Was werde ich tun, herbstliches Blatt? Flecken ausz\u00e4hlen, meinen Zweig anklagen, den Baum, die Wurzel? Ist ein feuchter Humus der F\u00e4ulnis Grund? Eine Kindheit im Nacken, im Ellbogen die Lektionen der Schulzeit und das ganze Milieu wie einen Puffer vor mir herschiebend werde ich erkennen m\u00fcssen, dass Ausreden so sch\u00fctzend wie Seifenschaum sind. Die letzte Sekunde bleibt unverl\u00e4ngert mein Rest.<\/p>\n<p>Schuld hat kein Fallschirmfabrikant, kein Schneider von Ulm, kein Newton oder Einstein. Es ist meine Schwerkraft. Dieser Fall geh\u00f6rt mir, um den Sprung zu hinterlassen.<\/p>\n<p>Ich spiele gerne mit d\u00fcnnem Glas, lasse den benetzten Finger \u00fcber den Rand kreisen und h\u00f6re was es singt. Ich bewirte Freunde und deren Verlass, nur die Verbindlichkeit darf in mein Haus. Man kommt zu mir, weil ich w\u00e4hlerisch bin und ein Spieler, hoffentlich ein guter Verlierer, einer der die Zerbrechlichkeit pr\u00fcft, den die Randfrage ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Mit Weingeist erhellt sich mein Mut, ich mache Witze \u00fcber den Tod. Je fr\u00f6hlicher die Runde, um so mehr Gl\u00e4ser zerspringen. Das Fallen und Zersplittern zeigt unersch\u00f6pfliche Formen. Auch meine Stimme klingt gebrochen. Aber was z\u00e4hlen schon Bruchst\u00fccke, wenn es im Guten bricht?<\/p>\n<p>Nach dem ersten Entzweien gibt es keine Zerbrechlichkeit mehr.<\/p>\n<p>Wohin wohl mein Ungeschick verdunstet, das noch an den Splittern klebt? Wer atmet je von dem, was ich erschaffe und zerscherbe? Beginnt es dort zu keimen, wo ich einst Moder werde und pflanzt sich ein Sinnvolles aus mir fort? Die Liebe?<\/p>\n<p>Blumen und Kr\u00e4nze werden dorthin gelegt, wo mutige Spr\u00fcnge enden.<\/p>\n<p>Von Scherben \u00fcbers\u00e4t ist diese Welt, auf Tr\u00fcmmern erbaut. Doch stets, um das Ma\u00df dieser Bruchst\u00fccke, reift sie. W\u00fcrden die Gefallenen nicht sein, ihr Scherbenmeer des Leichtsinns, so k\u00e4me die Zukunft trostlos daher. Das Befl\u00fcgeln von Ideen und unser Menschsein \u00fcberhaupt ist wirksam \u00fcber den Tod hinaus, behauptet meine angeschlagene Zunge<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder ein Springer abgest\u00fcrzt, lese ich in der Zeitung, schuld sei die Rei\u00dfleine. Er hinterl\u00e4sst eine Frau und Kinder. Was f\u00fchlt man wohl, wenn sich der Fallschirm nicht \u00f6ffnet? Welche Augen macht einer, der vom Himmel f\u00e4llt? Ich kann es mir nicht vorstellen, weil es unvorstellbar ist. 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