{"id":62,"date":"2002-01-01T15:39:08","date_gmt":"2002-01-01T14:39:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=62"},"modified":"2011-02-01T22:01:48","modified_gmt":"2011-02-01T21:01:48","slug":"vom-sinn-des-steigens-eine-betrachtung-uber-papstliche-extratouren-einen-schneehaufen-und-die-moral-in-eisigen-hohen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=62","title":{"rendered":"VOM SINN DES STEIGENS"},"content":{"rendered":"<p>EINE BETRACHTUNG \u00dcBER P\u00c4PSTLICHE EXTRATOUREN, EINEN SCHNEEHAUFEN UND DIE MORAL IN EISIGEN H\u00d6HEN<\/p>\n<p>ZUM EINSTIEG<\/p>\n<p>Berge sind geologische Erhebungen, je nach Entstehungsgeschichte von unterschiedlicher Beschaffenheit, Form und Ausdehnung. Damit w\u00e4re eigentlich schon das Wesentliche gesagt, w\u00fcrde es den Menschen und seine Sehns\u00fcchte nicht geben. Durch sie erf\u00e4hrt der Berg eine zus\u00e4tzliche Erh\u00f6hung, einen Mehrwert. Blicken wir zur\u00fcck: Alle gro\u00dfen Religionen w\u00e4hlten sich ihren heiligen Berg, einen Kailash, Olymp oder Sinai. Mythen und Gleichnisse erz\u00e4hlen davon. Eisgipfel und schwefeldampfende Vulkane waren wie geschaffen als Sitz f\u00fcr G\u00f6tter, Geister und Gnome. Die hohen Bergregionen stellten eine unnahbare, geheimnisvolle Welt dar. Wer kein ehrf\u00fcrchtiges Leben f\u00fchre, so glaubte man, der werde mit Lawinen, mit Lavastr\u00f6men oder Felsst\u00fcrzen gestraft. Unser Verh\u00e4ltnis zum Berg war \u00fcber Jahrtausende hinweg ein zutiefst mystisches.<\/p>\n<p>DAS PH\u00c4NOMEN DES UNN\u00dcTZEN<\/p>\n<p>Es ist interessant zu sehen, wie sich mit den revolution\u00e4ren Ideen des 18.Jahrhunderts auch der Alpinismus entwickelte. Ein heroischer Sturm auf Gipfel und Grate brach los. Der aufgekl\u00e4rte Mensch verlor jeden Respekt vor den \u201eBerggeistern\u201c. 1786 wird der Mont Blanc genommen, 1800 der Gro\u00dfglockner, 1848 die Dufourspitze. Es ging im wahrsten Sinne des Wortes aufw\u00e4rts, bis der Sieg \u00fcber das Matterhorn einen Schatten auf das bergsteigerische Treiben warf. Whympers Wettlauf mit den Italiener Carrel endete mit einer ersten gro\u00dfen Trag\u00f6die. Zweifel wurden laut: Was sind das f\u00fcr Kerle, die da Kopf und Kragen riskieren, ohne dass eine praktische Notwendigkeit daf\u00fcrsteht? Darauf gab es keine vern\u00fcnftige Antwort. Das Bergsteigen entzog sich jeder Logik und es beschr\u00e4nkte sich auch nicht auf eine bestimmte Gruppe. Im Gegenteil, in die Berge zog es die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Vom einfachen Holzknecht bis hin zu ranghohen Theologen: Im Gebirge duzte jeder jeden, hier war man sich so gleich wie sonst nirgendwo. Der \u201eKederbacher\u201c bezwang die Watzmann-Ostwand und einem Archille Ratti gl\u00fcckte die Erstbegehung der Courmayeur-Route auf den Mont Blanc. Ratti, der sp\u00e4ter zum Oberhirten der katholischen Kirche gew\u00e4hlt wurde und sich dann Pius XI. nannte, erkl\u00e4rte Bernhard von Menthon zum Schutzheiligen der Bergsteiger und erteilte mit seinem \u201eBenedictio instrumentorum\u201c den p\u00e4pstlichen Segen f\u00fcr Bergsteigerger\u00e4te.<\/p>\n<p>EINE EIGENWILLIGE DYNAMIK<\/p>\n<p>Der Alpinismus war salonf\u00e4hig geworden. Selbst Nichtbergsteiger gerieten in seinen Bann. Bergb\u00fccher wurden zu Bestsellern und die Namen der \u201eExtremen\u201c verewigten sich mit dem Fels: Winklerturm, Hinterstoi\u00dfer-Quergang, Diabona-Kante. W\u00e4nde die man f\u00fcr unbegehbar hielt, wurden entzaubert. Ein v\u00f6llig neues Gemeinschaftsgef\u00fchl erwachte. Der alpine Erfolg war stets eine Errungenschaft aller Bergsteiger und das Menschenm\u00f6gliche wurde ihr gemeinsames Ziel. Aber auch im umgekehrten Fall, beim Scheitern einer Unternehmung, solidarisierte man sich. Die Hilfsbereitschaft bei Bergn\u00f6ten kannte bald keine Grenzen mehr, nationale Vorbehalte und Vorurteile traten in den Hintergrund. Ausgerechnet die Alpen \u2013 Europas trennender Keil \u2013 wurden zum Bindeglied eines neuen Geistes. Der Alpinismus als Protagonist europ\u00e4ischer Einheit, international und multikulturell? Endlich ein sch\u00f6ner Gedanke, der bei unserer Sinnfindung positiv zu Buche schl\u00e4gt. Doch Hand aufs Herz, ansonsten k\u00f6nnen wir noch nicht recht entdecken, wozu das Bergsteigen n\u00fctzlich sein soll. Materiell betrachtet ist es jedenfalls der pure Unfug, f\u00fcr einen Gipfelsieg vergeudet man Kraft, Zeit und Geld. Es sei an Reinhard Karl erinnert, der wochenlang das Sturmtreiben am Fu\u00dfe des Cerro Torre ertrug, um letztlich doch an seinem Gralsberg zu scheitern. Genauso gut h\u00e4tte er sich zu Hause im K\u00fchlschrank verstecken und Hundertmarkscheine verbrennen k\u00f6nnen, stellte der Extrembergsteiger selbstkritisch fest und er hinterfragte zudem die eigene Psyche. Mutterbeziehung, Todestrieb oder Autorit\u00e4tsschwierigkeiten \u2013 was verlangt nach einem Gipfel? Damit wird unsere Spurensuche \u00fcberraschend auf eine neue F\u00e4hrte gelenkt. Sind Alpinisten wom\u00f6glich komplexbehaftet? Ist das Bergsteigen die sportliche Variante des Davonlaufens, eine Flucht vor Alltagsproblemen?<\/p>\n<p>DIE GRENZEN VERSCHIEBEN SICH<\/p>\n<p>F\u00fcr die Psychologen war das Bergsteigen aber kein Problem. Der Begr\u00fcnder der Logotherapie, Viktor E. Frankl, empfahl es sogar als ein gutes Mittel bei Lebenskrisen. Und nicht nur deswegen, weil das Bergsteigen ein Naturgenuss ist und Zufriedenheit schafft. Es bedeutet auch immer eine Herausforderung. Beim Bergsteigen m\u00fcssen n\u00e4mlich innere und \u00e4u\u00dfere Widerst\u00e4nde \u00fcberwunden werden, und davon profitiert das Selbstwertgef\u00fchl. Ein Alpinist versucht die Grenzen des Menschenm\u00f6glichen zu verschieben, er will neue Ziele ausprobieren und \u00fcber sich selbst hinauswachsen. Das Klettern er\u00f6ffnet nicht nur die Chance eines Gipfelsiegs, sondern auch das eigene Ich kann bezwungen werden. Der Berg bleibt dabei was er immer war, nur eine Bodenerhebung. Als Bergsteiger aber gewinnt man dazu. Mit dem Bergerlebnis kr\u00e4ftigt sich das innere Befinden, K\u00f6rper und Psyche bekommen Kondition. Immer schwierigere Routen werden anvisiert &#8211; man ist stolz auf die eigene Leistung und vergleicht Schwierigkeitsgrade, H\u00f6henmeter und Gehzeiten. Wohl jeder Bergsteiger kennt diesen Wettbewerb, der gerne mit Kameraden ausgetragen wird. Es ist eine unbedenkliche Spielart der Eifersucht, die uns anspornt und obendrein Spa\u00df macht, sofern wir sie nicht allzu ernst betreiben. Aber kann das schon unser Ziel sein, haben wir damit den Zweck des Bergsteigens gefunden? Sind diese kleinlichen Erfolge, an denen wir uns unaufh\u00f6rlich messen, wirklich so sinntr\u00e4chtig und wichtig? Und wenn nein, wie k\u00f6nnen es dann je gro\u00dfe Erfolge werden?<\/p>\n<p>DER MENSCH IST DAS ZIEL<\/p>\n<p>Wenn wir uns nur als Gipfelst\u00fcrmer und Sportler beweisen, als h\u00f6henangepasste Energieb\u00fcndel, solange wird das Menschenm\u00f6gliche nicht ann\u00e4hernd ausgesch\u00f6pft werden. Oder anders ausgedr\u00fcckt: anstatt im Gebirge nach Rekorden zu jagen, sollten wir \u00fcberpr\u00fcfen, ob wir nicht wichtigere Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen haben. Zu Beginn des dritten Jahrtausends steht auch der moderne Alpinismus an einer Wegmarke. Wo befindet sich das eigentliche Ziel, wie hoch, wie sinnreich ist es? Ver\u00e4ndern die H\u00f6henmeter den Menschen? Die landl\u00e4ufige und wenig kritisierte Behauptung, wonach es in der Todeszone keine Moral mehr geben w\u00fcrde, zeigt wie dringend diese Frage gekl\u00e4rt werden muss. Ist die Luft in eisigen H\u00f6hen wirklich so d\u00fcnn? Darf man seine Moral im Lager zur\u00fccklassen, nur weil sie kein Sherpa hinterher tr\u00e4gt? Kann der menschliche Charakter so entbehrlich wie ein Seifenst\u00fcck sein, eine unn\u00f6tige Last? Hierauf sind auch Normalbergsteiger in niedrigen H\u00f6henlagen eine Antwort schuldig, denn nicht jeder Gipfelsieg, den wir bewundern, ist automatisch bewundernswert! Die Charakterfrage stellt sich mitunter schon in den Chiemgauer Alpen oder sogar auf einer Wanderung im Mittelgebirge. Dies wird nur allzu gerne \u00fcbersehen, weil der Blick meist steil nach oben gerichtet ist. 1978 erreichte Reinhard Karl als erster Deutscher den h\u00f6chsten Berg der Erde. In seinen Erinnerungen Erlebnis Berg-Zeit zum Atmen findet sich dazu eine bewundernswert sch\u00f6ne Einsicht: \u201eIch, der Gipfelsieger. Ich, der \u00dcbermensch. Ich, das atemlose Wesen. Ich, der Reinhard auf einem Schneehaufen. Langsam kommen mir die K\u00e4lte und meine Ersch\u00f6pfung zu Bewusstsein. Langsam kommt nach der Freude die Traurigkeit, ein Gef\u00fchl der Leere: eine Utopie ist Wirklichkeit geworden. Ich ahne, dass auch der Everest nur ein Vorgipfel ist, den wirklichen Gipfel werde ich nie erreichen.\u201c Nachdem wir uns sicher sein k\u00f6nnen, dass die Erde gr\u00fcndlich vermessen wurde und nichts sonst den Everest \u00fcberragt, muss der \u201ewirkliche Gipfel\u201c anderswo zu finden sein. Im Grunde wissen wir es: Dieser Berg ist in uns selbst und je nachdem wie wir uns verhalten, machen wir ihn klein oder gro\u00df, armselig oder erhaben.<\/p>\n<p>NACHHALTIG BERGSTEIGEN<\/p>\n<p>Auf die Qualit\u00e4t des Steigens kommt es an, auf jenen pers\u00f6nlichen Zugewinn, den wir uns jedes Mal neu mit ins Tal nehmen und von dem wir im Alltag zehren k\u00f6nnen. Schwierigkeitsgrade oder Gipfelh\u00f6he sind verg\u00e4ngliche Ma\u00dfst\u00e4be. Geht es nicht viel mehr um eine nachhaltige Einstellung zum Bergsteigen und darum, dass wir menschlich empor steigen, \u00fcber das Oberfl\u00e4chliche hinaus? Das Bergsteigen birgt eine Philosophie die man sich selbst erschlie\u00dfen und mit auf den Weg geben kann. Jeder Alpinist sollte sich ein Ziel setzen, das den geologischen Gipfel \u00fcberragt. Es mag vielleicht hochtrabend klingen, aber gemeint ist eine gewisse Reife. Das Bergerlebnis wird umso gr\u00f6\u00dfer ausfallen, je st\u00e4rker wir uns einbringen oder wenn n\u00f6tig zur\u00fccknehmen; kameradschaftlich in einer Seilschaft, in einem \u00fcberf\u00fcllten Lager, auf einem schmalen Grat \u2013 kein leichter Weg. Aber genau das k\u00f6nnte doch gerade der Sinn des Steigens sein, Schwierigkeiten zu meistern und eben auch diese Berge in uns zu \u00fcberwinden, \u00dcberheblichkeiten, Neid und das Kleingeistige. Erst wenn wir uns selbst bezwingen, kommen wir dem Gipfel n\u00e4her. Brechen wir nicht deswegen immer wieder auf, weil wir das Menschenm\u00f6gliche versuchen wollen? Und falls es sich irgendwann doch bewahrheiten sollte, dass die Moral ab einer bestimmten H\u00f6he nachl\u00e4sst, m\u00fcsste unser n\u00e4chstes Ziel nicht lauten, diese H\u00f6he zu verschieben? Oder sollten wir lieber kneifen, besser gleich unten beiben, wo es nicht ums \u00dcberleben geht? Wirklich? Geht es denn nicht immer ums \u00fcberleben? Ist der Sinn des Steigens nicht immer auch der Sinn des Lebens, also das, was ich mir zum Prinzip erhebe?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EINE BETRACHTUNG \u00dcBER P\u00c4PSTLICHE EXTRATOUREN, EINEN SCHNEEHAUFEN UND DIE MORAL IN EISIGEN H\u00d6HEN ZUM EINSTIEG Berge sind geologische Erhebungen, je nach Entstehungsgeschichte von unterschiedlicher Beschaffenheit, Form und Ausdehnung. Damit w\u00e4re eigentlich schon das Wesentliche gesagt, w\u00fcrde es den Menschen und seine Sehns\u00fcchte nicht geben. Durch sie erf\u00e4hrt der Berg eine zus\u00e4tzliche Erh\u00f6hung, einen Mehrwert. 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