{"id":68,"date":"2002-01-01T20:34:52","date_gmt":"2002-01-01T19:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=68"},"modified":"2011-02-01T22:01:33","modified_gmt":"2011-02-01T21:01:33","slug":"bankelsangers-moritat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.birnenpalme.de\/wp\/?p=68","title":{"rendered":"B\u00c4NKELS\u00c4NGERS MORITAT"},"content":{"rendered":"<p>War es Ungeschick, das ihn als Beobachter verriet, sein Teleobjektiv, in dem sich die Sonne spiegelte, vielleicht dieses heimliches Getue, wof\u00fcr seine Schauspielkunst nicht reichte? Jedenfalls wurde er beim Fotografieren ertappt und es war ihm zuwider, als ihn die Frau zur Rede stellte, unterstellte, dass er im Auftrag des Ehemannes spioniere. Ein Streit kam in Gang und sie forderte die Herausgabe des Filmes, nannte sein Verhalten unanst\u00e4ndig, worauf er nur lachte, sagte, sie sei die Unanst\u00e4ndige, sie sei es, die ihren Ehemann betr\u00fcge, also nicht das Recht bes\u00e4\u00dfe zu moralisieren. Mein Auftraggeber, sagte er und meinte den Betrogenen, habe einen Anspruch, zu erfahren, ob und mit wem es die Ehefrau treibe. Sie wurde daraufhin ausfallend. B\u00e4nkels\u00e4nger sa\u00df nur wenig entfernt auf einer h\u00fcbschen Parkbank und schrieb wie immer seine Verse, kleine Novellen oder Humoresken, Weisheiten \u00fcber untadeliges Leben und Sitte. Das Hin und Her der Worte st\u00f6rte nun seine Kreise. Es war ihm l\u00e4stig, zu h\u00f6ren, mit anzusehen, wie die beiden handgreiflich wurden. Sie versuchte die Kamera an sich zu rei\u00dfen, den Film zu belichten und unbrauchbar zu machen, w\u00e4hrend der bullige Detektiv abwehrte. Er war ihr \u00fcberlegen. Notgedrungen erhoffte sie Hilfe vom Liebhaber, dem sie winkte, einem d\u00fcrren, blassgesichtigen Kerl. Der blieb jedoch auf Distanz und wollte, so schien es, mit dem Streit nichts zu tun haben, bef\u00fcrchtete wohl zuviel Aufhebens oder war nicht Manns genug, der Freundin beizustehen, die umso couragierter f\u00fcr ihr Recht focht. B\u00e4nkels\u00e4nger schwankte, ob der Anstand verlange, wegzusehen oder gar zu gehen, aber er blieb und ermahnte sich zur Pflicht, ein wachsames Auge zu halten und gut zuzuh\u00f6ren; das Geschrei gewann n\u00e4mlich an Sch\u00e4rfe. Er skizzierte die Groteske, machte sich einen Reim darauf und zog seine Lehre. Der Fotograf wollte fliehen, doch riss ihm die Frau einige Kn\u00f6pfe vom Mantel und lie\u00df nicht locker, bis sie seine Brieftasche zu fassen bekam, sich die Beute unter die Bluse schob, als ein Pfand, fest an die Brust gedr\u00fcckt. Da verlor er die Nerven. Grobschl\u00e4chtig packte er zu und zerriss ihr Oberteil. B\u00e4nkels\u00e4nger blickte sich besorgt um, wer notfalls zum Eingreifen bereit war, aber die Leute nahmen keine Notiz. Was geschah, sollte geschehen. Ein Spazierg\u00e4nger kam entlang und spielte gesch\u00e4ftig mit seinem H\u00fcndchen, lie\u00df dem Tier Lauf und Freiheit, warf den Stock, lobte den Apport. Der unw\u00fcrdige Streit war keine Angelegenheit f\u00fcr ihn. Ihm, B\u00e4nkels\u00e4nger, rief sich jenes Ungl\u00fcck ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck, \u00fcber das er unl\u00e4ngst eine Elegie verfasst hatte, Klage und Anklage zugleich, um solchen Hundehaltern ihr wahres Gesicht zu spiegeln. Mit dem St\u00fcck war ihm zur eigenen Zufriedenheit eine Moral gegen das Nichtk\u00fcmmernwollen gelungen, anhand einer wahren Begebenheit, als drei Kinder auf dem zugefrorenen Weiher gespielt hatten und das Eis brach. Alle drei ertranken, obwohl die Leute am Ufer zuschauten, wegschauten, hin- und herschauten; obwohl dieses Ufer nur wenige Meter entfernt war; obwohl das Wasser gerade mal h\u00fcfttief war. Jedermann wusste, dass hier das Wasser seicht ist. Dort unten, wo jetzt wieder der Hund gelobt wurde und sein Bein hob, dort, in B\u00e4nkels\u00e4ngers N\u00e4he, spielte sich dieses Ungl\u00fcck ab, vor den Augen der Leute. Aber alle sahen nur zu, wie die Kinder ertranken. Warum? Es vermochte niemand zu erkl\u00e4ren, hinterher war es ihnen unerkl\u00e4rlich. Sie alle waren wie gel\u00e4hmt und betrachteten das Ringen nach Luft, dann nur noch die Luftblasen und irgendwann ein Heer von Sanit\u00e4tern, verzweifelt k\u00e4mpfend, die Kleinen aus dem Wasser zu ziehen und zu beatmen. Jede Hilfe kam zu sp\u00e4t, vor \u00fcber zwanzig Jahren. Menschenskind, sagte sich B\u00e4nkels\u00e4nger, wie geschwind doch die Zeit vergeht, da z\u00f6gert man eine Sekunde und schon sind Jahrzehnte um. Auch der d\u00fcrre Kerl, von dem sich B\u00e4nkels\u00e4nger erhoffte, er w\u00fcrde endlich der Pflicht folgen und seiner Geliebten zur Hilfe eilen, war schon auf der andere Uferseite angekommen und wurde immer kleiner, bis er, der blasse Liebhaber, der unscheinbare Freund, ganz verschwand. B\u00e4nkels\u00e4nger war die letzte Rettung, nun lag es an ihm, einzugreifen, sich zu ereifern. Doch irgendetwas l\u00e4hmte ihn, fesselte ihn an diese Parkbank. Er, der er sonst nur Friedensdingen sein Ohr schenkte, bekam Schl\u00e4ge zu h\u00f6ren, das Brechen von Knochen. Der Detektiv hatte die Frau getroffen, wie im Rausch, der ihn tollw\u00fctig machte. B\u00e4nkels\u00e4ngers Mut erlosch. Er zweifelte k\u00fchl, ob der Frau damit gedient sei, Hals \u00fcber Kopf einzuschreiten, Kopf und Kragen zu riskieren. W\u00fcrde ihn dieser Kerl bezwingen, dachte er, was dann? Ihm erschien es kl\u00fcger, den Kampf abzuwarten, erst teilnahmslos zu bleiben, um sp\u00e4ter richtige Erste Hilfe zu leisten. B\u00e4nkels\u00e4nger z\u00f6gerte also mit Bedacht, derweil sie auf den Boden schlug. Der Fotograf griff sich seine Brieftasche, starrte auf das viele Blut und rannte davon. B\u00e4nkels\u00e4nger wollte eben aufspringen, der Bewusstlosen beistehen, da versp\u00fcrte er einen Verdacht. Diese rote Lache gl\u00e4nzte in der Sonne wie Teer, assoziierte dem Dichter Unreinheit. Ein Lichtspiel nur, gewiss, aber der Zweifel wurde gen\u00e4hrt: War ihr Blut wom\u00f6glich schlecht, gab es ein Risiko f\u00fcr Leib und Gesundheit? Hatte Sie nur diesen einen Liebhaber oder viele von der Sorte? War der eine deshalb so treulos gefl\u00fcchtet, weil er keine Verpflichtung einzugehen brauchte, nicht wegen einer einzigen Nacht? M\u00fcde hatte er ausgesehen, verd\u00e4chtig blass, verd\u00e4chtig d\u00fcrr, verd\u00e4chtig ansteckend? Trotz derlei Einw\u00e4nde ermahnte sich B\u00e4nkels\u00e4nger zur Pflicht, Gesetz und Moral verlangten es doppelt, wenigsten ihren Puls zu pr\u00fcfen, notfalls die Atemwege befreien und selbst Courage zu haben. Aber je n\u00e4her er kam, desto gr\u00f6\u00dfer wurde eine neue Sorge: Was wenn sie tot ist? K\u00f6nnte dann er in Verdacht geraten, zum Spielball von Justiz und Presse werden, mit seinem Konterfei auf dem Titelblatt jeder Zeitung, sein guter Name als Schlagzeile und in Verruf? Er bremste die Schritte und glaubte, dem Gewaltt\u00e4ter irgendwie \u00e4hnlich zu sehen, ihm von der Statur zu gleichen. Seine eigene Kleidung, stellte B\u00e4nkels\u00e4nger fest, war auff\u00e4llig. Alle Indizien w\u00fcrden gegen ihn sprechen, sobald er, \u00fcber die Scheintote gebeugt, Spuren hinterlassen sollte; einen Fingerabdruck nur, ein Haar, eine Schwei\u00dfperle, die ihm jedes forensische Labor zuordnen m\u00fcsste. Keiner w\u00fcrde ihm guten Willen unterstellen, sondern nur die Bluttat selbst. In B\u00e4nkels\u00e4ngers Kopf begann es zu rumoren, bis die Vernunft siegte. F\u00fcr einen Mord, den er nicht begangen hatte, wollte er nicht verantwortlich sein. B\u00e4nkels\u00e4nger lief eiligst am Weiher entlang und dem Ausgang zu, in der festen Absicht, dort Hilfe zu rufen, Polizei, die Rettung, den Notarzt. Nie waren seinen Beine schneller gewesen. Die Telefonzelle kam schon in Sicht, als ihn ein Einfall \u00fcberraschte, eine dramaturgische Wendung, die diesem ganzen Erlebnis etwas lehrst\u00fcckartiges geben w\u00fcrde. Ein kluger Geistesblitz. B\u00e4nkels\u00e4nger sah die Handlung vor sich, noch nicht spruchreif ausgegoren, aber vielversprechend. Er m\u00e4\u00dfigte den Lauf, stoppte, rieb sich die Stirn, massierte seine Schl\u00e4fen und schloss die Augen, um gro\u00dfe Gedanken zu fassen. B\u00e4nkels\u00e4nger l\u00e4chelte, denn seine Geschichte trug, wie er meinte, neuartige, originelle Z\u00fcge. Auf der h\u00fcbschen Jugendstilbank, unter jener ausladenden Linde die auch Dichter- oder Schubertlinde genannt wurde, lie\u00df er sich nieder, spitzte seinen Bleistift und brachte alles gewissenhaft zu Papier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>War es Ungeschick, das ihn als Beobachter verriet, sein Teleobjektiv, in dem sich die Sonne spiegelte, vielleicht dieses heimliches Getue, wof\u00fcr seine Schauspielkunst nicht reichte? Jedenfalls wurde er beim Fotografieren ertappt und es war ihm zuwider, als ihn die Frau zur Rede stellte, unterstellte, dass er im Auftrag des Ehemannes spioniere. 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