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Über mich

Meine physische Existenz begann nach einem Gemetzel, bei dem sich einige Millionen Spermien um eine weibliche Eizelle prügelten. Wäre mein  Erbgutträger nicht  der größte Raufbold von allen gewesen, würden Sie hier kein Wort von mir zu lesen bekommen. Von wegen Schicksal: Ich glaube an keine Bestimmung und neige nicht dazu, den Irrwegen des Lebens einen übergeordneten Sinn zuzuschreiben. Zufälligerweise hat alles sehr gut für mich gepasst.

GEBURT UND MAUERBAU

Im Juli 1961 wurde ich abgenabelt und in trockene Tücher gepackt. Hausgeburt und Sonntagskind. Zwei Wochen später baute man die Berliner Mauer – was mir damals aber noch ziemlich egal war. Meine Welt reduzierte sich auf den Inhalt einer Milchflasche.

Getauft wurde ich ohne mein Einverständnis. In eine Religion hinein, für deren Rituale ich heute nicht mehr Verständnis übrig habe, als für den Mauerbau von damals. Ist eine Kindstaufe überhaupt mit dem Menschenrecht vereinbar? Heilfroh bin ich immerhin, dass mir der Glaubensverein meiner Eltern nur Wasser über den Kopf gegossen und nicht mit einem Messer an den Genitalien herumgeschnipselt hat.

FÜR DAS LEBEN, NICHT FÜR DIE SCHULE UND SO WEITER . . .

Ach, was hätte ich nicht alles lernen können, wäre die Schule nicht gewesen. Ich bereue keinen Tag, an dem ich sie geschwänzt habe. Doch anscheinend fehlte ich nicht oft genug, denn das wirklich nützliche Wissen, das mir durch mutloses Nichtschwänzen und Pflichtbewusstsein entging, vermisse ich bis heute an allen Ecken und Kanten.

Statt Deutsch und Mathematik wurde Gewalt gelehrt. Die Lehrer haben uns Schülern ganze Haarbüschel aus der Kopfhaut gedreht, sie warfen uns in der Turnhalle gegen die Wand und haben den unbedingten Toilettengang verweigert. Ein Zuchthaus war diese Schule. Wolfgang bemühte sich den Anforderungen gerecht zu werden. Ich musste Luftballone malen, deren Rundheit mit dem Zirkel kontrolliert wurde. Von derart pädagogischem Unvermögen zeugt ein Zeugnis-Sechser im Zeichnen. Schön war nur der Nachhauseweg, mit all seinen Umwegen und Abenteuern. Heute werden Schulbusse eingesetzt, damit die Kinder keine Zeit mehr mit Freiheit verschwenden.

DIE TILGUNG VON NIE BEGANGENEN SÜNDEN

Von der ersten Hostienverspeisung dachte ich, es sei eine Schulveranstaltung, so wie das vorweihnachtliche Krippenspiel auch. Um den Aufmarsch der Kommunikanten zu proben entfiel immerhin der Unterricht. Dass ich keine Sünden zu beichten hätte, ließ der Herr Pfarrer nicht gelten und ich musste mir Lügen einfallen lassen. Sein tägliches Brot ist nicht die Wahrheit, sondern die Absolution. Das Bestrafungsvaterunser ist bis heute nicht aufgesagt.

Wem dienten eigentlich die Einschüchterungen gegen mich und der Zwang zum Ausplaudern von irgendwelchen intimen Erlebnissen oder infantilen Albernheiten? Ich glaube nicht, dass es mich entlasten sollte, sondern nur abhängig machen. Es ist ein verbiegen der Gehirnwindungen zu Ketten. Warum sonst werden weltweit Kinder zum religiösen Kommunismus genötigt, zum Verrat an sich selbst, an Freunden und Eltern? Ja überhaupt, welche Schlechtigkeiten sollen das gewesen sein, die ich bis heute als Genuss, Lust und Richtigkeit empfinde? Wer zum Teufel maßt sich da an, böses Gewissen einzureden und moralische Werte zu predigen?

DIE CHEMIE STIMMT ?

Meine Lehrzeit war die Zeit überwältigender Hormonschwankungen, begleitet von Bartwuchs, Akne und Selbstzweifel. Zeit süßer Träume und morgendlicher Missgeschicke. Schlechter Tanzunterricht vom ersten Lohn. Ständiges Liebesbriefschreiben an verschiedene Adressatinnen. Und in Sachen Glaube, Liebe, Hoffnung schloss ich mich dann doch der katholischen Jugendbewegung an, weil es dort ständig Gelage und die besten Mädels gab – welche meinen Glauben an Liebe und Hoffnung nährten. Eine gesegnete Zeit: Das erste Betrunkensein, die erste Eroberung, das erste Ausbleiben ihrer Tage. Und wieder ein Rausch, als diese dann doch noch kamen. Von wegen Schicksal – einfach nur Glück gehabt, am Pech vorbeigeschrammt!

Die Ausbildung zum Chemikanten lief irgendwie nebenher. Endlich unter Lehrkräften mit Einfühlungsvermögen, derweil uns noch selbst die nötige Peilung fehlte. Eine coole Zeit and born to be wild. Sogar unser Religionslehrer – es geschehen ja doch Zeichen und Wunder – hatte weder Scham noch Scheu, über sexuelle Selbstversuche unter der Decke im Freibad zu berichten. Er hielt sich nie an einen Lehrauftrag und übte mit uns stattdessen, Protestbriefe an die Staatsregierung zu schreiben. Hut ab! Die Chemie habe ich zwar nie begriffen, aber genau das rechne ich meinen Ausbildern hoch an, weil ich gar kein Chemiker werden wollte.

STURM UND DRANG

Sturm und Drang waren seinerzeit gewaltig. Eine Mixtur aus Leichtsinn, Angeberei und Dummheit. Vom Mont Blanc kam ich schneeblind herunter, um sogleich bei Graupelwetter auf das Matterhorn zu steigen. Mental geht alles! Wozu der Weg, wenn man ein Ziel hat? Eigentlich sollte ich kleinlaut mit meinen Unternehmungen sein, doch insgeheim bin ich stolz. Wer kann von sich schon behaupten auf der Achse des Wiener Riesenrades balanciert zu haben? Ich kenne bisher nur zwei so Verrückte. Es stimmt schon, das ich weder erwachsen noch zahm werden wollte.

Mein Leben ist nachdenklicher geworden, geruhsam in allen Lagen. Die Schlechtwettervorhersage dient mir als willkommene Ausrede und ich habe schon ewig keine Fabrikzäune mehr überstiegen. Aus einer Sesselbahn springe ich prinzipiell nicht mehr ab. Erstens gibt es ja überall offene Türen und zweitens könnte ich mir ja weh tun. Was zählt stattdessen, nachdem die Gipfel irgendwie niedriger geworden sind? Sind es jene Höhepunkte in mir selbst, die stillen Momente des Augenblicks, die andere Art der Auseinandersetzung? Auch hier habe ich weder Antwort noch Ahnung. Gewisse Dinge brauche ich einfach nicht mehr, um mich zu spüren oder zu beweisen. Andere dann doch wieder, weil das Alter ein lästiges und verlaustes Nagetier ist, das mir ständig den Floh der Unvernunft ins Ohr setzten will. Aber ohne Zweifel ist aus mir ein Warmduscher geworden und mein liebster Nervenkitzel besteht aus Gaumenfreuden.

ALS MEIN ICH AUSZOG, DIE WELT ZU RETTEN

“Atomkraft – nein Danke“ und “Petting statt Pershing“. Ich habe sicher einige Hektoliter Sprit verfahren, um gegen Umweltzerstörung und für den Weltfrieden zu protestieren. Lichter- und Menschenketten, Mahnwachen, Osterspaziergänge, Sitzblockaden, Pfeifkonzerte, Zwergensaufstände. Ein Wunder, dass mir auf dem Weg dorthin nie das Benzin ausgegangen ist.

Die Zukunft male ich mir gar nicht mehr aus. Welche Farbe hätte meine Zuversicht? Im  sechsten Jahrzehnt meiner Selbstfindung dämmert mir allmählich die Erkenntnis, dass alles ganz anders kommt, nämlich menschlicher, abgeklärter, vernünftiger. Das gilt für den Umgang untereinander, für die Wasserqualität der heimischen Flüsse und die vielen klugen Bücher, die in allen Sprachen geschrieben werden. Die inflationäre Klagsamkeit, früher sei alles besser gewesen, wird man von mir nicht (mehr) hören. Ich bin Optimist geworden und gedenke, es zu bleiben. Die “Hasenfuß-Gedichte” aus meiner Jugend dürfen als unreife Zeitdokumente betrachtet werden.

AUF DER SUCHE NACH BERUFUNG

In den frühen Morgenstunden des 20. 07.1969 wurden meine Geschwister und ich von unseren Eltern aus dem Bett geholt und wir besuchten meine Oma, die, als eine der ersten im Mietblock, einen Schwarzweißfernseher besaß. Es kamen auch Leute aus der Nachbarschaft. Live erlebten wir den ersten Menschen auf dem Mond und seinen legendären Spruch vom Schritt für die Menschheit. So beschloss ich, Astronaut und Sprücheklopfer zu werden.

Ich lernte Chemikant, studierte einige Semester Maschinenbau, wurde Steckenpferdliterat und Selbstverleger, ließ mich zum Rettungssanitäter und Bergretter ausbilden, war Funktionär bei einer damals noch grünen Partei, Kachelofenverkäufer, Judoka, Globetrotter, Montessorikindergärtner, Flohmarkthändler und zwölf Jahre Hausmann, gründete ein Kleinbusunternehmen, schloss ein Kleinbusunternehmen, ließ mich kurzzeitig als Lokalredakteur anwerben und ergriff schließlich einen Therapeutenberuf. Wenn mich die Langeweile überkommt – was selten passiert – dann laufe ich bei einem Marathon als Schlusslicht mit oder hebe in den Alpen gleitschirmmäßig ab. Den Traum, von Flensburg nach Konstanz zu wandern, habe ich mir auch schon erfüllt, 1700 km in 65 Tagen – ganz ohne Lift und Rolltreppe. Beim Schlangensuppenauslöffeln in Peking kam mir einst die Idee, den kulinarischen Ratgeber „Schoßhundschlachten, leicht gemacht“ zu schreiben. Irgendwie gefalle ich mir in der Rolle des Spötters, wie nun auch mein erster Roman „Ramadan ist nebenan“ beweist. Sprücheklopfer bin ich also schon geworden, fehlt nur noch der Astronaut.

ÜBER MEIN FAMILIENLEBEN

„Familiär“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet “vertraulich”. In diesem Sinn bleibt das Familienalbum geschlossen. So etwas wie Familienbesitz kenne ich nicht. Mir gehören weder Frau noch Kind. Wohl aber bin ich seit 33 Jahren mit meiner Geliebten verheiratet und Vater einer gemeinsamen, längst entwachsenen Tochter. Beide Frauen gehören sich selbst und sind stark genug, mir meine Freiheiten zu lassen. Den Rest klären wir unter uns. Die Katze hat übrigens einmal vier Junge bekommen.