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Über mich

Wer eigentlich ist dieser Wolfgang Paul? Eine interessante Frage, aber ich selbst habe bis heute nicht die geringste Ahnung! Vielleicht helfen ein paar einleitende Gedanken darüber, wie es zu mir kam, zu jenem Ich, das vielleicht meins, aber bestimmt nicht deins und eher eigenbrötlerisch ist. Meine menschliche Existenz zu erlangen war nämlich gar nicht so einfach. Im Vorfeld prügelten sich ein paar hundert Millionen Spermien um die Gunst einer einzigen Eizelle. Wäre mein Erbgutträger nicht der größte Raufbold von allen gewesen, säße heute ein anderer an meinem Schreibtisch, würde womöglich mein Bier trinken und jene Frau lieben, die ich gewiss mehr liebe, als sie je ein Widersacher lieben könnte. Von wegen Schicksal: Ich glaube an keine Bestimmung oder Fügung und neige logischerweise nicht dazu, all den wundersamen, schönen Wegen des Lebens einen übergeordneten Sinn zuzuschreiben. Zufälligerweise hat alles ziemlich gut für mich gepasst. Menschlicherweise kann ich mich auch irren, weil mein Begreifen nicht reicht und dieser großartige Kosmos vielleicht doch als eine göttliche Päckchensuppe angerührt ist, die man auslöffeln muss, egal ob sie einem schmeckt. Es wird sich zeigen oder auch nicht, wie der Tisch des Herrn gedeckt ist. Ich habe es jedenfalls nicht eilig, diese Frage endgültig geklärt zu wissen. Bis es soweit ist suche ich den Sinn in mir, durch mich und mit euch. Und was mein eigenes Süppchenkochen angeht, so nehme ich die Zutaten meiner Vorfahren, jeden Tag eine andere Kochstelle und möglichst kein vorgefertigtes Rezept. So wird es nach meinem Geschmack, das Leben auszukosten.

GEBURT UND MAUERBAU

Am vorletzten Julitag des Jahres 1961 wurde schließlich ich und kein anderer von meiner Mutter ausgetragen, durch eine Hebamme abgenabelt und großmutterlicherseits gebadet, geölt und in trockene Tücher gepackt. Hausgeburt und Sonntagskind übrigens. Zwei Wochen später wurde die Berliner Mauer gebaut – was mir damals aber noch ziemlich egal war. Meine Weltpolitik reduzierte sich auf den Inhalt einer Milchflasche.

Getauft wurde ich ohne mein Einverständnis. In eine Religion hinein, für deren Rituale ich heute nicht mehr Verständnis übrig habe als für den Mauerbau von damals. Ich frage mich überhaupt, ob eine Kindstaufe mit dem Menschenrecht vereinbar ist? Heilfroh (“dankbar” wäre das falsche Wort) bin ich jedoch, dass mir der Glaubensverein meiner Eltern nur Wasser über den Kopf gegossen und nicht mit einem Messer an den Genitalien herum geschnipselt hat.

FÜR DAS LEBEN, NICHT FÜR DIE SCHULE UND SO WEITER . . .

Ach, was hätte ich nicht alles lernen können, wäre die Schule nicht gewesen. Ich bereue keinen Tag an dem ich sie geschwänzt habe. Doch anscheinend fehlte ich nicht oft genug, denn das wirklich nützliche Wissen, das mir durch mutloses Nichtschwänzen und Pflichtbewusstsein entging, vermisse ich heute noch an allen Ecken und Kanten.

Die Wahrheit ist, dass man mir statt Deutsch und Mathematik Gewalt beibringen wollte. Lehrer haben uns ganze Haarbüschel aus der Kopfhaut gedreht, in der Turnhalle gegen die Wand geworfen und den unbedingten Toilettengang verwehrt. Ich musste Luftballone malen, deren Rundheit mit dem Zirkel kontrolliert wurde. Von derart pädagogischem Unvermögen zeugt – ungelogen – ein Sechser als Zeugnisnote im Zeichnen. Die Erinnerung daran ruft immer noch Wut hervor. Schön war an der Schule nur der Nachhauseweg mit all seinen Umwegen und Abenteuern. Heute werden leider Schulbusse eingesetzt, damit die Kinder keine Zeit mehr mit Freiheiten verschwenden.

DIE TILGUNG VON NIE BEGANGENEN SÜNDEN

Von der ersten Hostienverspeisung dachte ich, es sei eine Schulveranstaltung, so wie das vorweihnachtliche Krippenspiel auch. Um den Aufmarsch der Kommunikanten zu proben entfiel immerhin der Unterricht. Dann war aber schon Schluss mit frei haben. Dass ich keine Sünden zu beichten hätte, ließ der Herr Pfarrer nicht gelten und ich musste mir ihm zuliebe Lügen einfallen lassen. Sein tägliches Brot ist nicht die Wahrheit, sondern die Absolution. Das mehrfache Bestrafungsvaterunser ist bis heute nicht aufgesagt. Amen!

Wem dienten eigentlich die Einschüchterungen gegen mich und der Zwang zum Ausplaudern von irgendwelchen intimen Erlebnissen oder infantilen Albernheiten? Ich glaube nicht, dass es mich entlasten sollte, sondern nur anhängig machen. Es ist ein verbiegen der Gehirnwindungen zu Ketten. Warum sonst werden weltweit Kinder zum religiösen Kommunismus genötigt, zum Verrat an sich selbst, an Freunden und Eltern? Ja überhaupt, welche Schlechtigkeiten sollen das gewesen sein, die ich bis heute als Genuss, Lust und Richtigkeit empfinde? Wer zum Teufel maßt sich da an, böses Gewissen einzureden und moralische Werte zu predigen?

DIE CHEMIE STIMMT ?

Meine Lehrzeit war die Zeit überwältigender Hormonschwankungen, begleitet von Bartwuchs, Akne und Selbstzweifel. Zeit süßer Träume und morgendlicher Missgeschicke. Schlechter Tanzunterricht vom ersten Lohn. Ständiges Liebesbriefschreiben an verschiedene Adressatinnen. Und in Sachen Glaube, Liebe, Hoffnung schloss ich mich dann doch der katholischen Jugendbewegung an, weil es dort ständig Gelage und die besten Mädels gab – welche meinen Glauben an Liebe und Hoffnung nährten. Eine gesegnete Zeit: Das erste Betrunkensein, die erste Eroberung, das erste Ausbleiben ihrer Tage. Und wieder ein Rausch, als diese dann doch noch kamen. Von wegen Schicksal – einfach nur Glück gehabt, am Pech vorbeigeschrammt!

Die Ausbildung zum Chemikanten lief irgendwie nebenher. Endlich unter Lehrkräften mit Einfühlungsvermögen, derweil uns noch selbst die nötige Peilung fehlte. Eine coole Zeit and born to be wild. Sogar unser Religionslehrer – es geschehen ja doch Zeichen und Wunder – hatte weder Scham noch Scheu, über sexuelle Selbstversuche unter der Decke im Freibad zu berichten. Er hielt sich nie an einen Lehrauftrag und übte mit uns stattdessen, Protestbriefe an die Staatsregierung zu schreiben. Hut ab, Herr  C. !  Die Chemie habe ich zwar nie begriffen, aber genau das rechne ich meinen Ausbildern hoch an, weil ich gar kein Chemiker werden wollte.

STURM UND DRANG

Sturm und Drang waren seinerzeit gewaltig. Eine Mixtur aus Leichtsinn, Angeberei und Dummheit. Vom Mont Blanc kam ich schneeblind herunter, um sogleich bei Graupelwetter auf das Matterhorn zu steigen. Mental geht alles! Wozu der Weg, wenn man ein Ziel hat? Eigentlich sollte ich kleinlaut mit meinen Unternehmungen sein, doch insgeheim bin ich stolz. Wer kann von sich schon behaupten auf der Achse des Wiener Riesenrades balanciert zu haben? Ich kenne bisher nur zwei so Verrückte. Es stimmt schon, das ich weder erwachsen noch zahm werden wollte.

Mein Leben ist nachdenklicher geworden, geruhsam in allen Lagen. Die Schlechtwettervorhersage dient mir als willkommene Ausrede und ich habe schon ewig keine Fabrikzäune mehr überstiegen. Aus einer Sesselbahn springe ich prinzipiell nicht mehr ab. Erstens gibt es ja überall offene Türen und zweitens könnte ich mir ja weh tun. Was zählt stattdessen, nachdem die Gipfel irgendwie niedriger geworden sind? Sind es jene Höhepunkte in mir selbst, die stillen Momente des Augenblicks, die andere Art der Auseinandersetzung? Auch hier habe ich weder Antwort noch Ahnung. Gewisse Dinge brauche ich einfach nicht mehr, um mich zu spüren oder zu beweisen. Andere dann doch wieder, weil das Alter ein lästiges und verlaustes Nagetier ist, das mir ständig den Floh der Unvernunft ins Ohr setzten will. Aber ohne Zweifel ist aus mir ein Warmduscher geworden und mein liebster Nervenkitzel besteht aus Gaumenfreuden.

ALS MEIN ICH AUSZOG, DIE WELT ZU RETTEN

“Atomkraft – nein Danke“ und “Petting statt Pershing“. Ich habe sicher einige Hektoliter Sprit verfahren, um gegen Umweltzerstörung und für den Weltfrieden zu protestieren. Lichter- und Menschenketten, Mahnwachen, Osterspaziergänge, Sitzblockaden, Pfeifkonzerte, Zwergensaufstände. Ein Wunder, dass mir auf dem Weg dorthin nie das Benzin ausgegangen ist.

Die Zukunft male ich mir gar nicht mehr aus. Welche Farbe hätte meine Zuversicht? Im fünften Jahrzehnt meiner Selbstfindung dämmert mir allmählich die Erkenntnis, dass alles ganz anders kommt, nämlich menschlicher, abgeklärter, vernünftiger. Das gilt für den Umgang untereinander, für die Wasserqualität der heimischen Flüsse und die vielen klugen Bücher, die in allen Sprachen geschrieben werden. Die inflationäre Klagsamkeit, früher sei alles besser gewesen, wird man von mir nicht (mehr) hören. Ich bin Optimist geworden und gedenke, es zu bleiben. Die “Hasenfuß-Gedichte” aus meiner Jugend dürfen als unreife Zeitdokumente betrachtet werden.

AUF DER SUCHE NACH BERUFUNG

In den frühen Morgenstunden des 20. 07.1969 wurden meine Geschwister und ich von unseren Eltern aus dem Bett geholt und wir besuchten meine Oma, die, als eine der ersten im Mietblock, einen Schwarzweißfernseher besaß. Es kamen auch Leute aus der Nachbarschaft. Live erlebten wir den ersten Menschen auf dem Mond und seinen legendären Spruch vom Schritt für die Menschheit. So beschloss ich, Astronaut und Sprücheklopfer zu werden.

Ich lernte Chemikant, studierte einige Semester Maschinenbau, wurde Steckenpferdliterat und Selbstverleger, ließ mich zum Rettungssanitäter und Bergretter ausbilden, war Funktionär bei einer damals noch grünen Partei, Kachelofenverkäufer, Judoka, Globetrotter, Montessorikindergärtner, Flohmarkthändler und zwölf Jahre Hausmann, gründete ein Kleinbusunternehmen, schloss ein Kleinbusunternehmen, ließ mich kurzzeitig als Lokalredakteur ausbeuten und ergriff schließlich einen Therapeutenberuf. Wenn mich die Langeweile überkommt – was selten passiert – dann laufe ich bei einem Marathon als Schlusslicht mit oder hebe in den Alpen gleitschirmmäßig ab. Den Traum, von Flensburg nach Konstanz zu wandern, habe ich mir auch schon erfüllt, 1700 km in 65 Tagen – ganz ohne Lift und Rolltreppe. Beim Schlangensuppenauslöffeln in Peking kam mir einst die Idee, den kulinarischen Ratgeber „Schoßhundschlachten, leicht gemacht“ zu schreiben. Meiner Karriere als Astronaut und Sprücheklopfer steht der Weltraum noch offen.

ÜBER MEIN FAMILIENLEBEN

„Familiär“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet “vertraulich”. In diesem Sinn bleibt das Familienalbum geschlossen. So etwas wie Familienbesitz kenne ich nicht. Mir gehören weder Frau noch Kind. Wohl aber bin ich seit 28 Jahren mit meiner Geliebten verheiratet und Vater einer gemeinsamen, längst entwachsenen Tochter. Beide Frauen gehören sich selbst und sind stark genug, mir meine Freiheiten zu lassen. Den Rest klären wir unter uns. Die Katze hat übrigens einmal vier Junge bekommen.