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Bunte Mischung II

IN SIENA*

Der Mond ist aufgegangen, wer näht ihn wieder zu? Ich hole Nadel, Faden, stechen musst ihn du. Und strahlt zur Vollmondnacht er wieder seine Pracht, das haben du und ich, mit einem Zwirn vollbracht. (* mit Andrea auf der Piazza del Campo zusammengereimt) PERLMUT wie eine muschel fern der schnellen geschiebe ohne halt versinke ich […]

PERLMUT

wie eine muschel fern der schnellen geschiebe ohne halt versinke ich an stiller tiefe öffne deiner liebe sanftmut im grunde wider urgewalt

DÄMMERUNG

Die Lider welken dir am Abend, vom Licht erschöpft ihr müder Schlag. An den Lippen, die zart beben, lese ich den langen Tag. Kein Fältchen schämt sich deiner Schwächen, kein Atem, der nach Wehleid ringt. Du trägst die Dinge, trägst das Tragen, und nur der Schlaf, der dich bezwingt.

HÖRIG

Mich bestimmt Liebe, die nicht nimmt, die nie bindet, deren Mut und Zitterwort frei zu mir findet.

ERLEUCHTUNG

Ein Glanz der Dunkel für sich ruht, kann sich nie Wunder nennen. Die vielen Sterne funkeln nur, weil Augen sie erkennen. Mögen Riesensonnen schweben, strahlend hell, von Glut geschürt, das größte Feuer brennt vergeben, wenn keiner diese Wärme spürt.

FEUERRAD

Der Urmensch fand das Rad sich nicht, um einfach nur im Kreis zu fahren und selten frischen Wind zu spüren. Zum Feuer griff er sicherlich nie, daran wärmend auszuharren und selbst sich hinters Licht zu führen. Auch Sprache, hört, gehört gehört und soll viel heller klingen, als dumpfe Rede, die besagt, es will ein Nichts […]

GEDRÄNGE

Es rauft und kratzt und streubet sich der Nackenhaare Aufstand, mir widerstrebt der Masse Drang inmitten einer Meute. Mich stören nicht an sich die Leute, ihr Ziehn an Strick und Strang, doch wohler ist es mir am Rand, ungeschoben, du und ich.

DRUMRUM

Hätt ich drumrum die Lieb erklärt, du wärst an mir umgekehrt, samt dem Spruchband unterm Arm. Alles wäre klug verdorben, bloß kein Mädchen angeworben, das zu mir schmiegt, mit seinem Charme.

DICHTERGRUND

Weil mir immer einer im Munde meine Meinung dreht, als würde ich den Kopfstand leben. Ich ungern nur in Eile habe schöne Worte griffbereit, die plappern mir mit jedem. Weil stotternd mir die Zunge hängt und viel zu bleischwer für mich denkt, unwillig einfach schönzureden, Nun, darum schreib ich eben.

STERNDEUTER

Wer raubt der Sterne Unschuld, gibt an, den Schattenwurf zu sehen und Zeichen jeder Zeit? Wer schürt Versprechen, unser Schicksal zu kennen und es tönern zu brennen? Wer märcht die Dinge nach Gebrauch, um bange Herzen einzufangen und deren Hirne auch?

ERDE

Von Polwinden gestreift wiegt mich der Zweifel, blitzschöne Erde. Trügt dein Leuchten, die gemäßigten Breiten und Höhen? Gipfel legen Schatten aus, jeden Ehrgeiz zu kühlen. Schwerkraft lässt träumen, doch fliegen nie. Ach Erde, dein Beben und Stürmen – als wären wir Menschen dir Feind – fordert zum Aufbruch! Mich hebt Ehrfurcht ins Lot, ans Ufer […]

ORAKEL

Wer stichelt und den Strauch mimt, wie Kieselstein im Schuh brennt, sei ruck entwurzelt, zuck entfernt, hat kein Gehör verdient. Wer Baum ist, wer als Felsen ragt, doch Risse nie verschweigt, trägt sein Gewicht, er reift, wird um den Rat befragt.

WASSER

Von Tränengüssen und vom Klatsch nass ist jeder Brunnen trüb. Aus welchen Quellen betrinkst du dich, wem schenkst du ein? Nur die Klarheit löscht dein Verlangen, nicht Klage. Von Tränengüssen und vom Klatsch nass ist jeder Brunnen trüb.

SALZ UND SEGEN

Treiben müsst ich ohne dich, ruderlos auf schmaler Woge. Kleben schwarz und federschwer wie ein geteerter Vogel. Wo du, Salz und Segen, fehlst, ist Weite, Meer und Finsternis, ist alles, nur nicht Liebe. Kommen müsst ich und vergehen, gezeitenhaft am Strand, im Sand zerrinnen, ziellos ziehn, einsam übers Land Wo du, Salz und Segen, fehlst, […]

FEUER

Bin ich kristallin geboren, um auszuhärten, kalt und stein? Nein, leben will ich, restlos brennen, bis zur Asche menschlich sein!

BANKENVIERTEL

Mit dem Frühling kehren wieder meine Trinker in die Stadt, aus dem Süden, der gewärmt hat, wärmer als ein Zeitungsblatt. Nun, ihr Spatzen, nun, ihr Tauben, gefüttert in der Winternacht, heißt es wieder Abfall teilen, die Parkbank und den Kellerschacht.

KOPFSTAND

weiß nicht wo der sinn noch steht du hast mir den fpok verdreht

NEUES LEID

dein schwur dünnhäutig aus der lippe geschält und ausrede zerfleischt meine brust

EINGESTÄNDNIS

Gerbt sorgenlos mein Trommelfell, entkräftet selbst die Schwächen, ich seh das Dunkel immer hell, trau lichternen Versprechen. Nachtschatten säuern Aug und Ohr, Tagnebel laugt ins Feingefühl, täuscht euch aber nie zu vor, mir eigen bleiben Sinn und Ziel. Ich zähl den Schwur, kenn jeden Wert, beim Krötenschlucken bin ich zäh. Mein Bauch verdaut recht unbeschwert, […]

SO WURDE LICHT

Was zum Urknall hat geführt, mit inflationärer Eile, war, behaupt ich ungeniert, totalitäre Langeweile.

TENDENZ STEIGEND

Trieb die Natur ein Kreislauf nur, sie müsste ewig Steine wenden, ohne Wunsch und Traum verenden. Nie hätte Blut sich eingedickt, kein Auge je das Licht erblickt und keine Menschenspur.

WOHLTÄTIGKEITSBALL

Aus den Mündern quallen Sprüche, Sinnorgane schaudern satt, Zahnfleischlächeln ekelt an, gleich wundgeklopftem Schulterblatt. Geistersilben, unverbindlich, Gespinste züngeln an mein Ohr, klingen zynisch, ungezügelt, würgen nur Gewöll hervor. Rituell versteifte Mumien, ins Eingeweide parfümiert, Totentanz nach Art der Mode, Beklemmung fröhlich zelebriert. Wohin kann ich mich übergeben, der Frieden ist rundum vergällt? Heuchelei und Lügenmist, […]

EINBILDUNG

Im Bauch des Mondes träumt ich mich gefangen, mit einem Guckloch auf die Welt. Herrje, wie ist es zugegangen, weil ich da unten hab gefehlt. Drunter ging es, drüber auch – so gesehen, aus dem Bauch.

RUTENWÜNSCHE

Schließ die Augen, nimm das Pendel, jede schlechte Kraft zu schmecken. Die Rute wünschelt hin und her und deutet innre Strahlenflecken. Viel süßer als den Sachverstand lernst du das Fürchten lieben. Ich lieb vielmehr was meßbar ist und wünsch mir viel Vergnügen!

SCHRITTE, SPRÜNGE, FALLEN LASSEN

Kind, dich zu wiegen in behutsamer Hand, dein argloses Treiben am erziehenden Band. Stets hielt ich zur Seite beim Springen, beim Gehen, schrittgleich und wach jeden Stein dir zu sehen. Doch Steine, du sucht sie, so muss ich begreifen; im Sturz nur, durch Wundschlag, kann ein Wesen erst reifen.