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INSELSONNTAG

Zu unseren Lieblingzielen gehört die Fraueninsel, wegen ihrer kleinen Größe. Eine Runde auf dem Uferweg könnte man in wenigen Minuten schaffen, was uns jedoch noch nie gelungen ist und auch diesmal nicht gelingen wird. Das soll nicht heißen, wir wären schwach auf den Beinen. Aber allzu gerne kehren wir ein, lassen uns ablenken und aufhalten. Die Zeit dafür haben wir uns genommen, sonst wäre diese Insel keine wirkliche Insel. Es ist schon Ritual geworden Steine in den Chiemsee zu werfen oder sie, wie ich es als Bub gelernt habe und nun meiner Tochter lehre, über die Wasseroberfläche springen zu lassen. Wem die meisten Aufschläge gelingen der ist Sieger. Verlierer gibt es nicht. Es ist ja nur ein Spiel, ebenso wie das zählen der Segel auf dem See. Und dann sind da noch Muscheln zu sammeln, Blesshühner wollen gefüttert werden und irgendein Inselbesucher muss herhalten, uns zu fotografieren. Wir lächeln im Chor, es klickt und surrt. Danke, der Herr! Dreisam spazieren wir zur Irmengardkapelle, weil dieser kleine Kirchgang auch zum alljährlichen Insel-Repertoire gehört. Es ist eine unerklärliche Anziehungskraft. „Vielleicht verbirgt sich hinter dem Gemäuer ein Geheimnis von dem noch kein Mensch weiß?“, versuche ich meine Tochter in Stimmung zu bringen und sie gesteht, ein mulmiges Gefühl zu bekommen. „Alte Gemäuer machen ehrfürchtig“, nicke ich zufrieden und bin erstaunt über die kindliche Ehrfurcht. Vaterstolz bläht meine Brust. „Ich habe Hunger“, klagt sie und holt mich auf den Boden der Realität zurück, kaum dass wir etwas Weihrauch geschnuppert haben. So heißt es, kehrt Marsch und raus aus der Gruft! Wir schenken dem hübschen Friedhof vor der Kapelle keine Beachtung mehr und steuern schnurstracks den nächsten Biergarten an, ins lärmende Menschengewirke hinein. Andacht hin, Irmengard her. Gewiss, man wird unser Verhalten als unpädagogisch bezeichnen, weil das Kind so leicht seinen Willen erhält, weil wir nachgeben, weil wir die Andacht opfern und keine Selbstbeherrschung verlangen. Gewiss, gewiss! Doch was wäre die Konsequenz? Ein Machtkampf mit unserer Tochter? Verschone! Einen solchen führen wir nicht, nicht wenn wir uns einen schönen Tag versprochen haben. Es geht nicht um Sinn oder Unsinn, nicht um pädagogische Leitlinien, sondern um uns. Darum geben Vater und Mutter klein bei, weil sie zu zweit noch keine Familie sind. Wir tauschen sakrale Impressionen gegen Bratenduft, was soll´s! Unser Programm lautet nicht, alles um jeden Preis durchzuziehen und einen Sieg davonzutragen gegen ein hungriges Kind. Kopf oder Bauch? Diese Frage ist keine wirkliche, keine Entscheidungsfrage. Wir sind beidem zugetan, erstens der Einkehr und zweitens der Einkehr. Unser Mädchen hat sich seine Brotzeit verdient, mit seinen kurzen Füßen ist es ohnehin schon die dreifache Strecke gelaufen. Und was die hübschen Grabinschriften betrifft, so sind sie noch in hundert Jahren eingraviert, während der Hunger nur begrenzt Aufschub erlaubt. Bedürfnisse, wenn sie aus dem Bauch kommen, sind unsere Wegweiser. Das touristische Ziel läuft nicht davon. Die Irmengardkapelle, schon seit dem Mittelalter an ihrem Platz, ist der feste Beweis. Nichts eilt wirklich, so lehrt es jeder Gottesacker. Wir genießen uns lieber jetzt und leben gut. So haben wir es immer schon gehalten, egal wie heilig der Ort sein soll. Vom Petersdom pilgerten wir zur nächsten Gelateria, in Moustiers verführte uns die provenzalische Küche und bei der Heiligen Henna im Gurktal waren es Kärntner Nudeln mit viel Minze und Schmalz. Wir werden es immer wieder tun, gemeinsam schwach werden. Das Programm wird unterbrochen, die Speisekarte aufgeschlagen. Was bitte soll daran verfehlt sein? Die meisten Wirtshäuser befinden sich aus gutem Grund in Kirchennähe. Auf der Fraueninsel werden da keine Ausnahmen gemacht, selbst die Nonnen bieten ihren Klosterlikör feil – dem Wohlgefühl zuliebe. Dort wo für das Leibliche gesorgt ist gedeiht die Seele doppelt so gut. Und immer wenn unsere Tochter ausgelöffelt hat, den Teller mit einem Stück Brot blank putzt und zufrieden mit der Welt ist, dann reicht der Blick wieder über den Tellerrand hinaus, bis hinüber zu den Gipfeln des Chiemgaus. Die Berge leuchten heller, wenn kein Magen mehr knurrt. Der Wissenshunger kommt stattdessen. Wir werden befragt wieso im Gebirge noch Schnee liegt, wo doch unten schon alles grün ist. Ich, sträflich lehrerhaft, erkläre die Physik. Meine Tochter schüttelt den Kopf und lacht schallend: „Am Berg oben ist man doch näher bei der Sonne, dort kann es gar nicht kälter sein als hier!“ Was soll da einer noch antworten, der die Dinge hohen Hauptes betrachtet, aus der Warte eines Entwachsenen? Ich verlange die Rechnung und wir wandern zum Steg. Etwas Zeit bleibt noch, wie immer, um uns ins warme Gras zu legen. Die Tochter turnt herum. Sie schlägt Räder, springt über Wurzeln, rudert mit den Armen. „Ich mache jetzt einen Kopfstand, alle zugucken!“, schallt es herüber. Wir staunen nicht schlecht, wie sie ihre nackten Füße in den Himmel streckt. „Jetzt stimmt alles wieder“, jubelt sie , „der Schnee ist unten und das Gras oben!“

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