Rubrik


« |Home | »

GEWALTIGER MENSCH

Am Anfang herrschte nur Leere, die Stille des Vakuums. Weder Zeit noch Raum existierten, ein unvorstellbares Nichtvorhandensein. Kein Hebel wirkte, kein Quäntchen Ladung, kein Gesetz. 15 Milliarden Jahre später sitze ich auf der Terrasse, höre Johann Sebastian Bach von der CD und tippe in den Computer: Aus diesem Nichts wurde ein Etwas geboren. Nicht nur billionenfach Sterne über mir, sondern Gesetze dazu, Bewegung und Energie im Überfluss. Ich erahne -von wegen Staubkorn – Größe. Der Blick ins Teleskop lässt den eigenen Wert nicht schrumpfen. Wer sonst im Weltall kann Glas schmelzen und Linsen schleifen? Wer sonst in dieser Unermesslichkeit richtet Antennen aus und sucht seinesgleichen? Wir reimen Gedichte, komponieren Musik und transplantieren Herzen. Mein Staunen entfaltet sich grenzenlos über diesem Gewirke. Und wir Menschen hören nicht auf zu flechten, wachsen heran und bauen weiter. Mich ergeift es zutiefst. Die Ideen in uns, das Vermögen einander zu lieben. Der Glaube, eine Zukunft zu haben. Welch ein Zauber aus Geist und Materie – wie kann es nur wahr sein? Ich hole Bach aus dem Laufwerk und stöbere in meiner Sammlung. Yehudi Menuhin ist an der Reihe und muss auf seiner Violine brillieren, sooft ich will, Beethoven. Dank einer Fernbedienung fügt sich die Kunst meiner Laune. Die Technik schafft Harmonien herbei, eine Welt voll Zukunftsmusik. Alle Bestrebungen fließen in ein und dasselbe Behältnis. Der Krug füllt sich rascher denn je und wir schöpfen mit Fleiß. Die Hieroglyphen sind zu digitalen Signalen geworden, aus dem Entenkiel wurde eine Tastatur. Mikrochips erledigen die Arbeit ganz ohne Sklaverei. Maschinen befördern das Menschsein, wir bereichern uns ungeahnter Möglichkeiten. Der Zugewinn wird greifbar, Schritt für Schritt, von Tag zu Tag, Staat um Staat. Ein globaler Geist will jeden versöhnen. Das Fortschreiten befreit von einer Natur die seit Gedenken nur den Stärksten unter den Starken ein Lebensrecht zusprach. Die Vernunft erlöst vom Faustrecht, das Denken verlangt nach Moral und Gesetz. Wer glaubt, die Welt würde schlechter, der hat die Geschichte des Lebens nicht gelesen. Jeder Tag vor dem heutigen weist den Weg zurück ins Chaos. Ich wünsche mir keine Sekunde Vergangenheit wieder. Mein Aufsatz nimmt Gestalt an, sucht und tastet sich zum Anfang einer Entwicklung die Geist hervorgebracht hat. Zufall, sagen die einen und leiten Wahrscheinlichkeitsrechnungen ab. Gott, meinen die anderen und versammeln sich in Religionen. Ich streite gerne mit, lasse das Feld unbestellt und widme mich dem Zeitpunkt, als unsere Sonne zu leuchten beginnt, vor etwa fünf Milliarden Jahren. Darüber schreibe ich. Die Erde entsteht wie nebenbei, damals ein unwirtlicher Klumpen aus Gestein und Metall, umhüllt von einer Atmosphäre, die giftiger nicht hätte sein können. Keine guten Bedingungen, je Leben zu beherbergen. Die Realität aber widerlegt jeden Zweifel: Auf diesem sterilen Planeten fand ein Wunder statt, das zu den größten zählt. Verschiedene Moleküle verknüpften einander und gaben sich selbst Struktur. Eine Urzelle wurde geboren. Leben! Das erste Bakterium machte sich auf den Weg ein abgekochtes Meer zu besiedeln. Die Zellteilung, ein Geniestreich. Es folgte eine Schwemme von Einzellern und die Bildung von Zellkolonien. Wie winzige Fabriken ersannen sich diese Organismen immer raffiniertere Tricks Chemikalien zu verarbeiten und in den eigenen Körper einzubauen. Die mikroskopischen Gebilde erstarkten, wurden komplexer, komplizierter, vielfältiger, größer. Algen traten in Erscheinung und ihnen gelang vor anderthalb Milliarden Jahren ein neues Kunststück, die Fotosynthese. Aus kohlensauerem Gas wurde Sauerstoff hergestellt; eine Befähigung, ohne die höherentwickeltes Leben undenkbar gewesen wäre. Generalstabsmäßig scheint die belebte Natur vorzurücken, sich selbst den Weg zu ebnen und Brücken in eine noch ferne Zukunft zu schlagen. Ich schmunzle, als ich plötzlich einem Irrtum auf die Schliche komme, nämlich, dass die Natur ein Kreislauf sei, ein regeneratives Karussell also. Das widerspräche ja der Evolution. In Wirklichkeit beschreibt das Leben eine Spirale, welche sich seit Anbeginn empor dreht und niemals wieder an einen Punkt zurückkehrt. Die landläufige Meinung, dass sich jede Daseinsform der Umwelt angepasst habe, ist alles andere als richtig. Genau das Gegenteil stimmt, dieses Leben schuf sich selbst jene Bedingungen, die es brauchte. Die ursprünglich ungenießbare Weltkugel wurde zusehends entgiftet, gereinigt und urbar gemacht. Trinkwasser, Nahrung und Atemluft musste sich das Leben selbst bereiten. Und mehr noch: auch mächtige geologische Formationen entstanden beim pflanzlichen und tierischen Stoffwechsel. Gebirgsketten aus Kalk und Kreide, beispielhaft die Alpen, erbaute sich dieses eigensinnige Leben. Es begnügte sich zu keinem Zeitpunkt damit, nur ein Kreislauf zu sein. Es war und ist die pure Verschwendungssucht. Hin und wieder geschieht es, dass mir dieser Beethoven die Augen glasig macht. So jetzt. Wer oder was bin ich? Da sitze ich in der wohligen Wärme der Frühlings-Sonate, versuche mich und meine Gedanken für den Aufsatz zu sammeln, aber alles gerät doch aus der Fassung. Es berührt mich, bewegt mich, versetzt mich in Schwingung. Eine schaurige Gänsehaut überzieht mich, beim Adagio molto expressivo. Mir bleibt nicht mehr als eine Ahnung, eine Sehnsucht die mich erhebt. Das Taschentuch hilft da wenig, nur ein rettendes Scherzo. Ich schlage im Lexikon nach, dass die modernen Säugetiere dem Tertiär zuzuordnen sind. Zahlen und Fakten die mir vielleicht noch nützlich sind werden notiert. Eine Unart von mir, mich ablenken zu lassen, aber schon folge ich den Querverweisen und Fotografien in eine grausame Historie. Totschlag und Machtkämpfe, unsägliche Kriege, Vertreibung, Verachtung, Verwerflichkeit. Meine Stimmung schwankt, Auschwitz erschüttert mich. Irre ich, täusche ich mich im Menschenbild? Nein, ich glaube an das Heilsame, ich glaube an keinen Rückfall, ich glaube an das unabwendbar Gute in uns, an die Reife, an Verantwortlichkeit. Der Ungeist welkt, zeigt sein dürres Braun nur noch kurz. Im Gegensatz zu Bach oder Beethoven ist Hitler wirklich tot. Das Geistige des Menschen wird alle Hitlers restlos ausspucken. Was einst wildwüchsiger Dschungel war, darin ein Nachstellen und Zerfleischen, kultiviert sich in Menschengestalt. Die Evolution weist nur in diese eine Zukunft. Vom afrikanischen Graben, zwei Jahrmillionen vor unserer Zeit, wanderte eine neue, findige Spezies in Richtung Asien. Ein erster Menschenversuch. Der Homo Erectus vermochte Feuer zu nutzen und fertigte Faustkeile an. Ihm folgte der Homo Sapiens, den es beim zweiten Anlauf nach Europa verschlug. Überreste seiner Sippschaft fand man im Neandertal. Er besaß die neue geistige Qualität, tote Artgenossen zu bestatten und verfügte über ein reflektierendes Bewusstsein. Aber erst der letzten Hominiden-Gruppe glückte das Überleben. Vor nur hunderttausend Jahren machte sich der Homo Sapiens Sapiens auf die Reise. Am 21. Juli 1969 erreichte er den Mond. Ein großer Schritt und immer noch erst der Anfang. Ich denke, Utopia wird gebaut werden, Menschen werden es bauen. Raumsonden haben unser Sonnensystem verlassen und tragen Botschaften hinaus, um fernen Welten unser Erwachen zu verkünden. Mit an Bord ist eine Kostprobe menschlicher Psyche, auf Schallplatte geprägt. Glenn Gould spielt ein Präludium und Fugen von Johann Sebastian Bach.

Themen: Diverse TEXTE |