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VOM SINN DES STEIGENS

EINE BETRACHTUNG ÜBER PÄPSTLICHE EXTRATOUREN, EINEN SCHNEEHAUFEN UND DIE MORAL IN EISIGEN HÖHEN

ZUM EINSTIEG

Berge sind geologische Erhebungen, je nach Entstehungsgeschichte von unterschiedlicher Beschaffenheit, Form und Ausdehnung. Damit wäre eigentlich schon das Wesentliche gesagt, würde es den Menschen und seine Sehnsüchte nicht geben. Durch sie erfährt der Berg eine zusätzliche Erhöhung, einen Mehrwert. Blicken wir zurück: Alle großen Religionen wählten sich ihren heiligen Berg, einen Kailash, Olymp oder Sinai. Mythen und Gleichnisse erzählen davon. Eisgipfel und schwefeldampfende Vulkane waren wie geschaffen als Sitz für Götter, Geister und Gnome. Die hohen Bergregionen stellten eine unnahbare, geheimnisvolle Welt dar. Wer kein ehrfürchtiges Leben führe, so glaubte man, der werde mit Lawinen, mit Lavaströmen oder Felsstürzen gestraft. Unser Verhältnis zum Berg war über Jahrtausende hinweg ein zutiefst mystisches.

DAS PHÄNOMEN DES UNNÜTZEN

Es ist interessant zu sehen, wie sich mit den revolutionären Ideen des 18.Jahrhunderts auch der Alpinismus entwickelte. Ein heroischer Sturm auf Gipfel und Grate brach los. Der aufgeklärte Mensch verlor jeden Respekt vor den „Berggeistern“. 1786 wird der Mont Blanc genommen, 1800 der Großglockner, 1848 die Dufourspitze. Es ging im wahrsten Sinne des Wortes aufwärts, bis der Sieg über das Matterhorn einen Schatten auf das bergsteigerische Treiben warf. Whympers Wettlauf mit den Italiener Carrel endete mit einer ersten großen Tragödie. Zweifel wurden laut: Was sind das für Kerle, die da Kopf und Kragen riskieren, ohne dass eine praktische Notwendigkeit dafürsteht? Darauf gab es keine vernünftige Antwort. Das Bergsteigen entzog sich jeder Logik und es beschränkte sich auch nicht auf eine bestimmte Gruppe. Im Gegenteil, in die Berge zog es die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Vom einfachen Holzknecht bis hin zu ranghohen Theologen: Im Gebirge duzte jeder jeden, hier war man sich so gleich wie sonst nirgendwo. Der „Kederbacher“ bezwang die Watzmann-Ostwand und einem Archille Ratti glückte die Erstbegehung der Courmayeur-Route auf den Mont Blanc. Ratti, der später zum Oberhirten der katholischen Kirche gewählt wurde und sich dann Pius XI. nannte, erklärte Bernhard von Menthon zum Schutzheiligen der Bergsteiger und erteilte mit seinem „Benedictio instrumentorum“ den päpstlichen Segen für Bergsteigergeräte.

EINE EIGENWILLIGE DYNAMIK

Der Alpinismus war salonfähig geworden. Selbst Nichtbergsteiger gerieten in seinen Bann. Bergbücher wurden zu Bestsellern und die Namen der „Extremen“ verewigten sich mit dem Fels: Winklerturm, Hinterstoißer-Quergang, Diabona-Kante. Wände die man für unbegehbar hielt, wurden entzaubert. Ein völlig neues Gemeinschaftsgefühl erwachte. Der alpine Erfolg war stets eine Errungenschaft aller Bergsteiger und das Menschenmögliche wurde ihr gemeinsames Ziel. Aber auch im umgekehrten Fall, beim Scheitern einer Unternehmung, solidarisierte man sich. Die Hilfsbereitschaft bei Bergnöten kannte bald keine Grenzen mehr, nationale Vorbehalte und Vorurteile traten in den Hintergrund. Ausgerechnet die Alpen – Europas trennender Keil – wurden zum Bindeglied eines neuen Geistes. Der Alpinismus als Protagonist europäischer Einheit, international und multikulturell? Endlich ein schöner Gedanke, der bei unserer Sinnfindung positiv zu Buche schlägt. Doch Hand aufs Herz, ansonsten können wir noch nicht recht entdecken, wozu das Bergsteigen nützlich sein soll. Materiell betrachtet ist es jedenfalls der pure Unfug, für einen Gipfelsieg vergeudet man Kraft, Zeit und Geld. Es sei an Reinhard Karl erinnert, der wochenlang das Sturmtreiben am Fuße des Cerro Torre ertrug, um letztlich doch an seinem Gralsberg zu scheitern. Genauso gut hätte er sich zu Hause im Kühlschrank verstecken und Hundertmarkscheine verbrennen können, stellte der Extrembergsteiger selbstkritisch fest und er hinterfragte zudem die eigene Psyche. Mutterbeziehung, Todestrieb oder Autoritätsschwierigkeiten – was verlangt nach einem Gipfel? Damit wird unsere Spurensuche überraschend auf eine neue Fährte gelenkt. Sind Alpinisten womöglich komplexbehaftet? Ist das Bergsteigen die sportliche Variante des Davonlaufens, eine Flucht vor Alltagsproblemen?

DIE GRENZEN VERSCHIEBEN SICH

Für die Psychologen war das Bergsteigen aber kein Problem. Der Begründer der Logotherapie, Viktor E. Frankl, empfahl es sogar als ein gutes Mittel bei Lebenskrisen. Und nicht nur deswegen, weil das Bergsteigen ein Naturgenuss ist und Zufriedenheit schafft. Es bedeutet auch immer eine Herausforderung. Beim Bergsteigen müssen nämlich innere und äußere Widerstände überwunden werden, und davon profitiert das Selbstwertgefühl. Ein Alpinist versucht die Grenzen des Menschenmöglichen zu verschieben, er will neue Ziele ausprobieren und über sich selbst hinauswachsen. Das Klettern eröffnet nicht nur die Chance eines Gipfelsiegs, sondern auch das eigene Ich kann bezwungen werden. Der Berg bleibt dabei was er immer war, nur eine Bodenerhebung. Als Bergsteiger aber gewinnt man dazu. Mit dem Bergerlebnis kräftigt sich das innere Befinden, Körper und Psyche bekommen Kondition. Immer schwierigere Routen werden anvisiert – man ist stolz auf die eigene Leistung und vergleicht Schwierigkeitsgrade, Höhenmeter und Gehzeiten. Wohl jeder Bergsteiger kennt diesen Wettbewerb, der gerne mit Kameraden ausgetragen wird. Es ist eine unbedenkliche Spielart der Eifersucht, die uns anspornt und obendrein Spaß macht, sofern wir sie nicht allzu ernst betreiben. Aber kann das schon unser Ziel sein, haben wir damit den Zweck des Bergsteigens gefunden? Sind diese kleinlichen Erfolge, an denen wir uns unaufhörlich messen, wirklich so sinnträchtig und wichtig? Und wenn nein, wie können es dann je große Erfolge werden?

DER MENSCH IST DAS ZIEL

Wenn wir uns nur als Gipfelstürmer und Sportler beweisen, als höhenangepasste Energiebündel, solange wird das Menschenmögliche nicht annähernd ausgeschöpft werden. Oder anders ausgedrückt: anstatt im Gebirge nach Rekorden zu jagen, sollten wir überprüfen, ob wir nicht wichtigere Bedürfnisse zu befriedigen haben. Zu Beginn des dritten Jahrtausends steht auch der moderne Alpinismus an einer Wegmarke. Wo befindet sich das eigentliche Ziel, wie hoch, wie sinnreich ist es? Verändern die Höhenmeter den Menschen? Die landläufige und wenig kritisierte Behauptung, wonach es in der Todeszone keine Moral mehr geben würde, zeigt wie dringend diese Frage geklärt werden muss. Ist die Luft in eisigen Höhen wirklich so dünn? Darf man seine Moral im Lager zurücklassen, nur weil sie kein Sherpa hinterher trägt? Kann der menschliche Charakter so entbehrlich wie ein Seifenstück sein, eine unnötige Last? Hierauf sind auch Normalbergsteiger in niedrigen Höhenlagen eine Antwort schuldig, denn nicht jeder Gipfelsieg, den wir bewundern, ist automatisch bewundernswert! Die Charakterfrage stellt sich mitunter schon in den Chiemgauer Alpen oder sogar auf einer Wanderung im Mittelgebirge. Dies wird nur allzu gerne übersehen, weil der Blick meist steil nach oben gerichtet ist. 1978 erreichte Reinhard Karl als erster Deutscher den höchsten Berg der Erde. In seinen Erinnerungen Erlebnis Berg-Zeit zum Atmen findet sich dazu eine bewundernswert schöne Einsicht: „Ich, der Gipfelsieger. Ich, der Übermensch. Ich, das atemlose Wesen. Ich, der Reinhard auf einem Schneehaufen. Langsam kommen mir die Kälte und meine Erschöpfung zu Bewusstsein. Langsam kommt nach der Freude die Traurigkeit, ein Gefühl der Leere: eine Utopie ist Wirklichkeit geworden. Ich ahne, dass auch der Everest nur ein Vorgipfel ist, den wirklichen Gipfel werde ich nie erreichen.“ Nachdem wir uns sicher sein können, dass die Erde gründlich vermessen wurde und nichts sonst den Everest überragt, muss der „wirkliche Gipfel“ anderswo zu finden sein. Im Grunde wissen wir es: Dieser Berg ist in uns selbst und je nachdem wie wir uns verhalten, machen wir ihn klein oder groß, armselig oder erhaben.

NACHHALTIG BERGSTEIGEN

Auf die Qualität des Steigens kommt es an, auf jenen persönlichen Zugewinn, den wir uns jedes Mal neu mit ins Tal nehmen und von dem wir im Alltag zehren können. Schwierigkeitsgrade oder Gipfelhöhe sind vergängliche Maßstäbe. Geht es nicht viel mehr um eine nachhaltige Einstellung zum Bergsteigen und darum, dass wir menschlich empor steigen, über das Oberflächliche hinaus? Das Bergsteigen birgt eine Philosophie die man sich selbst erschließen und mit auf den Weg geben kann. Jeder Alpinist sollte sich ein Ziel setzen, das den geologischen Gipfel überragt. Es mag vielleicht hochtrabend klingen, aber gemeint ist eine gewisse Reife. Das Bergerlebnis wird umso größer ausfallen, je stärker wir uns einbringen oder wenn nötig zurücknehmen; kameradschaftlich in einer Seilschaft, in einem überfüllten Lager, auf einem schmalen Grat – kein leichter Weg. Aber genau das könnte doch gerade der Sinn des Steigens sein, Schwierigkeiten zu meistern und eben auch diese Berge in uns zu überwinden, Überheblichkeiten, Neid und das Kleingeistige. Erst wenn wir uns selbst bezwingen, kommen wir dem Gipfel näher. Brechen wir nicht deswegen immer wieder auf, weil wir das Menschenmögliche versuchen wollen? Und falls es sich irgendwann doch bewahrheiten sollte, dass die Moral ab einer bestimmten Höhe nachlässt, müsste unser nächstes Ziel nicht lauten, diese Höhe zu verschieben? Oder sollten wir lieber kneifen, besser gleich unten beiben, wo es nicht ums Überleben geht? Wirklich? Geht es denn nicht immer ums überleben? Ist der Sinn des Steigens nicht immer auch der Sinn des Lebens, also das, was ich mir zum Prinzip erhebe?

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